Hanoi in Vietnam: Liebe auf den dritten Blick

Hanoi Vietnam Train Street

Hanoi ist eine pulsierende Metropole. Spannend, chaotisch und voller Leben. Bei Co-Autorin Corinna hat es einige Tage gedauert, bis sie sich begeistern konnte. Dafür umso nachhaltiger.

Hanoi in Vietnam: Liebe auf den dritten Blick

von Corinna Hiss

Laut. Stickig. Dreckig. Versmogt. Das ist Hanoi, die Hauptstadt Vietnams. Fast acht Millionen Einwohner zählt die Metropole im Norden des Landes. Gefühlt ebenso viele Roller fahren auf den Straßen. Wer sich auf das Chaos einlässt, der entdeckt in Hanoi viele Dinge, die begeistern. Auch wenn es eher Liebe auf den dritten Blick ist.

Seit zehn Minuten stehe ich nun schon an dieser Straße. Der Kopf brummt, vielleicht weil ich seit knapp 24 Stunden auf den Beinen bin und mich der Jetlag voll im Griff hat. Vielleicht aber auch, weil mich das, was ich hier sehe, völlig überfordert. Jene Hauptstraße, die meine Unterkunft von der Altstadt Hanois trennt, hat vier Spuren. Gefühlt sind es aber viel mehr.

Ein Auto nach dem anderen rast an mir vorbei. Davor, dahinter und dazwischen drängeln sich Roller. Die Fahrer hupen, zwängen sich in jede erdenkliche Lücke, suchen sich ihren Weg durch das Getümmel. Und ich mittendrin, in der Hauptstadt Vietnams, der zweitgrößten Stadt des Landes. Zum ersten Mal in Asien.

Hanoi Vietnam Old Town Altstadt

Die Häuser in der Altstadt von Hanoi sind schmal und hoch. Auf der Straße wuseln Roller und Verkäufer.

„Ich will hier weg“, ist mein erster Gedanke. Denn der Verkehrslärm ist schier unerträglich. Eine Glocke von Abgasen hängt in der Luft. Das Atmen fällt schwer. Doch nun bin ich hier und möchte in die Altstadt. Und wie bitte soll ich über diese Straße kommen? Es gibt keine Ampeln und der Verkehr scheint nicht enden zu wollen. Also stehe ich da. Ratlos.

Die Einheimischen lassen sich von dem Chaos nicht beirren. Sie laufen einfach auf die Straße. So wie wenn hier jemand ohne zu Zögern über die Autobahn marschiert. Wie durch ein Wunder balancieren die Roller um die Fußgänger herum.

Hanoi: Highway to Hell

Als sich der nächste Vietnamese ins Getümmel stürzt, nehme ich all meinen Mut zusammen und hefte mich an seine Ferse. Gleichmäßig laufen wir durch den Verkehr. Halten Blickkontakt mit den Autos und Rollern. Wir kommen unbeschadet auf der anderen Seite an. Gott sei dank. Ich bin jemand, der seine Urlaube gut vorbereitet.

Auch für Hanoi hatte ich einen Plan, wollte die Sehenswürdigkeiten zu Fuß ablaufen, so wie ich es auch in London, Paris, New York gemacht habe. Aber das ist hier unmöglich, das weiß ich jetzt.

Hanoi Vietnam Hoan Kiem See

Am Abend ist der Hoan Kiem See und die Brücke zum dortigen Tempel schön beleuchtet. Dort kann man gut von der Hektik der Stadt verschnaufen.

So gibt es beispielsweise das Ho Chi Minh Mausoleum zu sehen, die letzte Ruhestätte des vietnamesischen Revolutionärs, welcher der Hauptstadt Saigon im Süden des Landes heute seinen Namen gibt. Oder die Tran Quoc Pagode, der älteste buddhistische Tempel in Hanoi. Touristen besuchen meist auch das französische Viertel südlich des Hoan Kiem Sees, das an die Zeit erinnert, als Vietnam französische Kolonie war. Dort sind die Straßen breiter und die Geschäfte luxuriöser.

Hanoi: Warten auf den Zug

Ein Muss ist zudem die Train Street unterhalb des Bahnhofs. Dort fährt einmal am Tag der Zug mitten durch eine enge Häuserschlucht hindurch. Wenn das passiert, dann holen die Anwohner schnell ihre Wäscheständer ins Haus und schieben ihre Roller zu Seite. Ansonsten sitzen sie auf der Straße, trinken Bier und warten auf die Bahn – wie du auf dem Titelbild sehen kannst.

Wer nach Hanoi kommt, der will meist auch ins Old Quarter, die Altstadt, die aus 36 verwinkelten Gassen besteht. Auch dort herrscht das Chaos. Die Gehwege sind voll von Straßenverkäufern, die ihre Ware lauthals anpreisen. Taschen liegen auf dem Boden, dazwischen Obst und Gemüse. Ältere Frauen halten mir frittierte Bällchen unter die Nase.

Saigon Old Town

Eine typisch asiatische Straße in der Altstadt Hanois

An fast jeder Ecke wird Bahn Mi verkauft, ein Baguette, das mit Ei, Kräutern oder Fleisch belegt wird. Zubereitet wird die vietnamesiche Spezialität meist in mobilen Garküchen: Die Frauen fahren mit ihren Wägelchen herum und hauen auf Bestellung ein paar Eier in die Pfanne, die über einer Art Bunsenbrenner erhitzt werden.

In der Enge der Altstadt halten sich die Abgase der Roller meist ziemlich hartnäckig. Doch zum Glück ist Wochenende. Dann nämlich werden am Abend die Straßen für den Verkehr gesperrt. Eine Wohltat! Und endlich kann auch ich einmal durchschnaufen.

Saigon Vietnam

In der Altstadt finden sich viele Überbleibsel aus der Kolonialzeit

Plötzlich sehe ich alte Häuser mit einer Art Stuck, nicht sehr breit, aber dafür mehrgeschossig. Balkone, die mit Pflanzen und Lampions geschmückt sind. Einen Torbogen, der an eine historische Stadtmauer erinnert und mit weichem Licht angestrahlt wird.

Hanoi: Stadt der Schemel

Dreh- und Angelpunkt der Geschehnisse ist die Ta Hien Straße. Dort, wo die Gassen sternförmig zusammentreffen, befindet sich der Beer Corner. Der Name ist hier Programm: Es wird Bier getrunken.

Unzählige bunte Plastikhocker stehen vor den Bars und Restaurants auf der Straße. Sie sind nur wenige Zentimeter hoch und eignen sich eher für Kindergartenkinder. In Vietnam aber ist es üblich, auf den kleinen Schemeln Platz zu nehmen.

Ta Hien Street / Luong Ngoc Quyen Street

An der Ecke Ta Hien / Luong Ngoc Quyen Straße am bekannten Beer Corner ist abends immer viel los

Am Wochenende herrscht Trubel, es wird lautstark um jeden Kunden gefeilt. Auch einige Backpacker treffen sich hier. Touristisch ist es dennoch nicht. Vor allem die Preise machen uns Europäer glücklich: Ein Hot Pot für zwei Personen kostet keine acht Euro. Das vietnamesische Gericht ähnelt Fondue: In einer Brühe werden über dem offenen Feuer direkt am Tisch Fleisch, Fisch, Meeresfrüchte und Gemüse erhitzt.

Hanoi: Hot, hot, hot – and spicy

Wer es gerne scharf mag, der verfeinert das Essen mit Chilischoten und grünen Kumquats. Es spritzt, während ich kläglich daran scheitere, mit Stäbchen Reisnudeln und Fleischbeilage herauszufischen.

Vietnam Hot Pot

Heiß, lecker und scharf – der Hot Pot ist ein beliebtes vietnamesisches Gericht

Neben dem Bia Hanoi, das in Halbliterflaschen serviert wird, kommt oft noch Bia Hoi auf den Tisch. Dieses Bier wird in den Hinterhöfen der Hauptstadt gebraut, es ist nicht pasteurisiert und daher nur einen Tag haltbar. Jedes Bia Hoi schmeckt anders. Als der Kellner das Zwei-Liter-Fässchen auf den Tisch stellt und das Bier kalt und prickelnd in Plastikbecher gegossen wird, beginne ich Hanoi zu mögen.

Ta Hien Street Hanoi Vietnam

In der Ta Hien Straße kommen Feierwütige auf ihre Kosten

Mittlerweile ist kein Hocker mehr frei. An der Ecke hat eine Band ihre Instrumente und einen Verstärker aufgebaut. Vietnamesischer Pop schallt durch die Gassen. Es ist 24 Grad Celsius warm, und das im europäischen Winter. Neben Bier lieben die Menschen in Hanoi ein weiteres Getränk: Kaffee. Das vietnamesische Heißgetränk wird mit Kondensmilch getrunken. Die klebrig-süße Masse vermischt sich beim Einschenken nicht mit dem schwarzen Gebräu und erzeugt so ein schönes Farbspiel.

Während an der Uferpromenade des Hoan Kiem Sees kaum ein Durchkommen ist und die Beats wummern, muss man ersteinmal auf die Suche nach den Cafés gehen. Eines davon ist das Dinh Café. Sein Eingang liegt unscheinbar in einem billigen Taschengeschäft. Dort geht’s hindurch, eine düstere Treppe hinauf.

Abtauchen ins Nachtleben

Plötzlich öffnet sich ein Raum, im alten französischen Kolonialstil eingerichtet, dunkle Holzschemel, Ventilatoren an der Decke. Vom Balkon blickt man direkt auf den See, hört die Bässe. Aber drinnen herrscht Ruhe.

Dinh Cafe

Manche Schätze, wie das Dinh Café, sind gar nicht so leicht zu finden…

Hier gibt es eine besondere Spezialität für rund 80 Cent: Egg Coffee. Auf den schwarzen Kaffee wird geschlagener Eierschaum gehäuft. Es schmeckt nach flüssigem Tiramisu. Und danach, endlich angekommen zu sein: In Vietnam, in Hanoi, in einer anderen Welt, die auf den ersten Blick abstoßend war, aber doch einen unvergleichlichen Charme hat.

Nützliche Tipps für Hanoi:

1. Vietnam Airlines fliegt einmal täglich am Nachmittag von Frankfurt nach Hanoi. Durch die sechsstündige Zeitverschiebung landet man am frühen Morgen des Folgetags. Wenn man Glück hat, gibt es immer mal wieder Direktflüge ab 500 Euro.

2. Wer mitten im Geschehen sein will, der übernachtet in einer der unzähligen Hotels und Hostels im Old Quarter von Hanoi. Eine einfache Übernachtung in einem Schlafsaal kostet ab vier Euro. Allerdings ist es abends durch die Feiernden und das ständige Hupen der Roller relativ laut. Eine Alternative zu den Hotels sind Homestays, da wohnt man bei einer einheimischen Familie.

3. Der Smog in Hanoi hält sich leider ziemlich hartnäckig. Ich habe deshalb öfter einen Mundschutz getragen. Den gibt es in Deutschland in jeder Drogerie für wenig Geld zu kaufen.

4. Weil es in Hanoi schwierig ist, klassisches Sightseeing zu Fuß zu machen, sind Taxis eine gute Lösung. Super funktioniert hat dabei immer die App Crab. Dort gibt man Start- und Zielpunkt an und bucht übers Handy eine Fahrt. Pluspunkt: Man sieht direkt, was die Fahrt kosten wird und muss sich so nicht mit den Fahrern hinterher auseinandersetzen. Für eine Strecke von rund zwei Kilometern wird rund ein Euro berechnet.

5. Vietnam ist wie viele andere asiatische Länder unschlagbar günstig. Das wohl günstigste Bier von Hanoi gibt es am Stand gegenüber dem Vietnam Backpacker Hostel, dort kostet ein Becher 5000 Dong (also 20 Cent). Das Hostel findest du unter der Adresse 9 Pho Ma May

Train Street, Dinh Café & Co.

  • Die Train Street findest du unter der Adresse Ngo 224 Le Duan
  • Das Dinh Café liegt versteckt über einem Taschengeschäft am Hoan Kiem See. Du findest es unter der Adresse 13 Dinh Tien Hoan
  • Hanoi bietet sich als Ausgangspunkt für mehrtägige Ausflüge in Nordvietnam an. Ich empfehle die Region Sa Pa, wo du wunderbar durch Reisterrassen wandern kannst. Von Hanoi aus mit dem Bus rund 5 Stunden entfernt. Für eine Tour durch die Halong Bucht fährst du am besten mit dem Bus (Dauer rund dreieinhalb Stunden) auf die Insel Cat Ba. Die sogenannte Trockene Halong Bucht entdeckst du am besten von Tam Coc aus (Busfahrt rund zwei Stunden).

Dinh Cafe

Im Dinh Café schmeckt besonders der Egg Coffee

Du willst mehr über Vietnam lesen? Hier findest du Artikel über einen Roadtrip mit dem Motorrad durch Vietnam und über Marcel, der einen Marathon durch den Regenwald Vietnams gelaufen ist. Noch mehr Asien? Hier gibt’s noch zwei Indien-Artikel über Ladakh und Varanasi.

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Corinna Hiss

Ich habe Publizistik studiert und bei der Tagespresse u.a. als Reiseredakteurin gearbeitet. Meine Leidenschaften sind Reisen, Fotografieren und Schreiben. Aktuell arbeite ich als Redakteurin im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Am liebsten bin ich in Europa und den USA unterwegs. Auf Instagram kannst du mir unter @hi.rinni folgen.
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