Varanasi: Stadt des Lichts in Indien

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Die indische Stadt Varanasi hat viele Namen und ebenso viele Beinamen: Benares, Kashi, Stadt des Lichts, Wald der Glückseligkeit, der „sakrale Ort“ oder „die (von Shiva) nie Verlassene“. Noch viel spannender als die mystischen Bezeichnungen ist eine Reise in den Ort am Ganges. Philipp Weber ist hingefahren und überrascht worden – unter anderem auch von Hochwasser.

Tausend und eine Nacht

Die ersten Geschichten, die ich über Varanasi gelesen habe, hatten den Klang eines Märchens, den Geschmack von Geistern und Dämonen, von Schrecken und Wundern. In diesen Erzählungen fiel mir auf, dass Varanasi unmöglich eine Stadt wie jede andere sein konnte, dass man hier nicht einfach nur durchreist, diese Stadt nicht wieder verlassen kann ohne neue Eindrücke und Erfahrungen mitzunehmen. Nein, Varanasi ist Indiens spirituelles Herzstück, der Mutterschoß aus dem das Land geboren wurde, wo noch heute jahrtausendealte Traditionen gelebt werden und wo die schönen und hässlichen Seiten des Landes gleichermaßen auf die Spitze getrieben werden.

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Unsere Reise dorthin begann mit einer Busfahrt von Delhi, die abrupt einige Kilometer vor dem Ziel endete. Der Busfahrer verkündete, es sei ihm nicht erlaubt mit dem Bus weiterzufahren, da Varanasi unter Wasser stehe. Die restliche Strecke mussten wir also mit einem Taxi zurücklegen, wobei uns bereits das Chaos auf den Straßen begrüßte, dass das Vorankommen auf Schrittgeschwindigkeit begrenzte. Unsere Unterkunft lag im Herzen der Altstadt von Varanasi, in einem Viertel, das für Autos unzugänglich war, da die engen Gassen den Verkehr nicht ermöglichten, wohl aber rücksichtslos von Motorradfahrern genutzt wurden, die sich zwischen Kühen und Fussgängern ihren Weg suchten.

Die heilige Stadt Varanasi

Die eigentümlichste Tradition der Stadt, die ihr zu Bekanntheit weltweit verholfen hat, ist die Verbrennung der Toten, die noch in den letzten Monaten ihres Lebens anreisen, um hier zu sterben und schließlich als Asche in den heiligsten aller Flüsse einzugehen: im Ganges. Unser Busfahrer hatte nicht gelogen, tatsächlich hatte der Ganges Hochwasser als Folge der Regenmonate des Monsuns und überflutete somit einige Teile der Stadt. Der Wasserstand erreichte eine Höhe wie in den letzten dreißig Jahren nicht mehr, wurde uns auf der Straße erzählt. Überflutet waren insbesondere viele der sogenannten “Ghats”, die heiligen Stätten entlang des Flusses, die die trauernden Familien mieten können, um sich hier von einem ihrer Angehörigen zu verabschieden, seinen Leichnam zu verbrennen und die Asche in den Fluss zu geben, um somit seine Seele reinzuwaschen. Die mysteriösen Legenden, die diesen Fluss beschreiben, sind von großer Zahl und vielfältig, eine der beliebtesten besagt, dass der Ganges von den hinduistischen Göttern auf die Erde umgeleitet wurde, um die verlorenen Seelen zu befreien – sozusagen als göttliche Gnade und Erlösung.

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Wie tief dieser Glaube in den Menschen verankert ist, erkennt man an ihrer wagemutigen Bereitschaft nach der Zeremonie in dem heiligen Fluss zu baden und ihren Körper in diesem trüben Wasser zu “waschen”. Um eines der wenigen Ghats zu sehen, das noch benutzbar war während des Hochwassers, mussten wir eine überflutete Straße in einem Boot überqueren und gingen auf das Dach eines benachbarten Hauses, von wo man einen guten Blick auf die stattfindende Zeremonie hatte, welche nur von den männlichen Mitgliedern der Familie besucht wird.

Der Sinn der Verbrennung ist es, die Seele des Verstorbenen aus dem Körper zu befreien und aufsteigen zu lassen. Nur so kann der Geist dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburt entkommen und Ruhe finden. Dafür wird das Feuer von dem engsten Angehörigen entfacht – meist ist dies der älteste Sohn – und unter gesungenen Gebeten brennt der Leichnam auf den Holzscheiten, bis der Schädel mit einem Stab zertrümmert werden kann, wodurch der Seele endgültig der Weg aus dem Körper geöffnet ist. Es war ein seltsames Gefühl, fast unangenehm, als Außenstehender dieses Ritual von uns fremden Menschen zu beobachten.

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Verlässt man diesen Ort am Ufer des Flusses, so kehrt man direkt zurück in die Altstadt und in das Herz von Varanasi. Die engen Gassen sind wie ein Labyrinth, ungeordnet und verzweigt, und wer ohne Ziel, aber mit offenen Augen hier umherläuft, kann eine Menge entdecken. Oft fanden wir uns auch an Stellen wieder, an denen wir bereits gewesen waren, ohne zu bemerken, diesen Orten nahe zu sein. Auf diese Weise endeten wir in einem kleinen Geschäft namens “Blue Lassi”, in dem ich den wohl besten Lassi meines Lebens gekostet habe. Anders als beispielsweise in Delhi wird hier der Lassi nicht als Drink serviert, sondern kommt in einem kleinen Becher, gemischt mit frischen Früchten oder Schokolade.

Auf Entdecker-Tour

Beim Schlendern durch die Gassen sahen wir auf den Wänden der Häuser oftmals Pfeile und Schilder gemalt, die einen zu den verschiedensten Orten zu locken versuchen. Wir folgten den Wegweisern zur internationalen Musikschule an einem Samstagabend, da man hier für einen kleinen Eintrittspreis lokalen Musikern beim Spielen traditioneller Instrumente zuhören konnte. Als wir dort ankamen war der gemütliche Saal bereits mit zahlreichen Personen gefüllt, die sich auf dem Boden um eine kleine Bühne versammelt hatten, auf der zwei indische Musiker auf der spätestens durch George Harrison bekannt gewordenen Sitar und den indischen Tabla-Trommeln improvisierten. In der Ecke über ihnen, gleich dem Bildnis eines Heiligen, hing ein Foto von Ravi Shankar, dem im Westen wohl bekanntesten Sitarspieler.

Ganga meets Neckar

Die Musik war abwechslungsreich, mal schnell, mal melancholisch und die Töne umkreisten ihr Hauptmotiv in endlosen Spiralen. Durch Zufall kamen wir mit den Musikern nach dem Konzert ins Gespräch, sie erzählten uns von ihrem aktuellen Projekt, bei dem sie traditionelle indische Musik mit Jazz mischen. Ein Projekt, das zu unserem Erstaunen den Titel “Neckarganga” trägt! Der Name ist nicht willkürlich so gewählt, die Musiker der Schule fliegen ein- bis zweimal jährlich nach Deutschland, wo sie in Mannheim und Heidelberg gemeinsam mit deutschen Jazzmusikern auftreten. Ich war einen Moment sprachlos, geografisch und kulturell so weit entfernt eine seltsame Verbindung zu meiner Heimat zu finden.

Varanasi Holy Place

Am folgenden Tag fuhren wir in einer Autorikscha zu einem Ort namens Sarnath, der einige Kilometer nordöstlich von Varanasi liegt. Alleine die Fahrt war ein Erlebnis, da viele der Straßen unter Wasser standen. Aus dem Tuktuk heraus sahen wir überflutete Felder, die an den Straßenrand angrenzten, und alte Männer, die ihre Fahrräder durch trübes, kniehohes Wasser schoben und versuchten den flachsten Weg zu erkennen. Sarnath ist von großer historischer Bedeutung, denn der Übermittelung zufolge hat hier Siddhārtha Gautama, besser bekannt als der “historische Buddha”, zum ersten Mal seine Anhänger unterrichtet. Neben Lumbini, dem Geburtsort Siddhārthas, Bodhgaya, wo er unter einem Feigenbaum die Erleuchtung erlangte und Kushinagar, wo er starb, ist Sarnath somit eine der vier heiligen Stätten im Leben Buddhas. Heute befinden sich auf dem Gelände viele Tempel und Tempelruinen, die dort im Laufe der Jahrtausende errichtet wurden, sowie ein Museum über Siddhārtha Gautama.

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Nach fünf Tagen Aufenthalt in dieser verrückten Stadt, so voll von Leben und Vergänglichkeit, mussten wir schon wieder aufbrechen. Ein starker Eindruck hinterbleibt, wie eng hier Heiligkeit und Schauspiel nebeneinander leben, Tradition und Moderne sich berühren, die Hingabe der Trauernden, das jahrtausendealte Ritual, die Intimität der Situation werden zu einem Geschäft gemacht und der geweihte Ort verwandelt sich in eine Bühne, auf der die Angehörigen eine kommentierte Zeremonie durchführen.

Wie ein Sinnbild ganz Indiens habe ich Varanasi wahrgenommen. Das Chaos bietet etwas Abstoßendes und etwas Verlockendes, erweckt Neugierde und Vorsicht gleichermaßen und über all dem unvergleichbare Erfahrungen von Glauben und Armut. Bei einem bin ich mir jedoch sicher: anders als die Brennenden, zur Ruhe würde ich hier nicht finden.

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Philipp Weber wohnt in Kopenhagen und schreibt für People Abroad über seine Reisen.

Bildquellen: Yolanda, Ganravaroraji, Philipp Weber

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Philipp Weber

Ich habe Astronomie studiert, reise gerne in Europa, Asien und Südamerika und freue mich vor allem auf meinen Reisen neue Kulturen kennenzulernen. Aufgewachsen bin ich in Süddeutschland, lebe aber inzwischen in Kopenhagen. Hier schreibe ich über meine Erlebnisse als Backpacker unterwegs. Kontakt: p.weber@people-abroad.de
Philipp Weber

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1 Antwort zu “Varanasi: Stadt des Lichts in Indien

  1. […] Wenn du mehr von Philipp lesen willst, dann schau mal in seine Indien-Artikel über Ladakh und ... https://www.people-abroad.de/blog/roadtrip-mit-dem-motorrad-durch-vietnam

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