Die Atacama Wüste – mein Chile Highlight

Atacama Wüste Chile Rundreise Südamerika

Die Atacama Wüste ist ein faszinierendes Naturschauspiel. Für Co-Autor Philipp, der mehrere Monate in Chile verbrachte, war es sein persönliches Highlight auf seinem Südamerika-Trip.

Chile: Atacama Wüste, Santiago, Land der Gegensätze

Ein Förderprogramm an der Universität Kopenhagen gab mir die Möglichkeit für einige Monate ein anderes Institut zu besuchen und ein neues Land kennenzulernen. Die einzige Vorgabe bei der Auswahl war es, dass mein Studienfach Astronomie dort auch vertreten ist und Relevanz haben muss.

Dies schränkte die Auswahl zwar schon ziemlich ein, denn diese Forschung ist doch meist eine „Luxustätigkeit“ für wirtschaftlich starke Länder. Nur solche Länder, deren Situation als stabil gilt, können es sich in der Regel leisten, den Blick nach oben und in die entlegene Ferne zu richten.

Aber Chile bot mir all das, nach was ich suchte: den Szenenwechsel in eine andere Kultur, ein Überangebot an Astronomie und einen helllichten Sommer in den sonst dunklen Monaten des Jahres. Wie abkömmlich, bei der Aufteilung der Erde zurückgeblieben, liegt Chile eingesperrt zwischen Ozean und Gebirge, die es in seine ein-dimensionale, einmalige Form zwingen.

Atacama Wüste Chile Rundreise Südamerika

Während man von Norden nach Süden eine endlose Strecke zurücklegen kann, ohne das Land zu verlassen – vergleichbar mit der Distanz von Moskau nach Lissabon – ist man nie weiter als einen globalen Katzensprung von einem Nachbarstaat oder dem Stillen Ozean entfernt. Und doch ist die Welt zwischen West und Ost, die wenigen Kilometer zwischen Küste und Gipfel, ebenso wandelbar und vielseitig wie die in eine andere, ausgedehntere Dimension.

Mit Charango in Santiago de Chile

Mir wurde es ermöglicht in der Hauptstadt Santiago de Chile, welche die Hälfte der Bevölkerung des Landes beheimatet, die Welt der astronomischen Beobachter kennenzulernen. Und ich hatte das Glück an einen jungen, chilenischen Professor, Sebastián, zu geraten, der mich nicht nur fachlich zu leiten vermochte, sondern mir auch Kultur und Sitten, Politik und Geschichte des Landes näherbrachte und mir während dieser Zeit ein guter Freund wurde.

Seiner Empfehlung folgend, besorgte ich mir rasch, statt einer gewöhnlichen Gitarre, ein kleines Charango, das einer Ukulele ähnelnde, doch vielseitigere und ausdrucksstärkere typische Instrument der südamerikanischen Andenregion.

Santiago de Chile Markt Obst Einkaufen

Bei Spaziergängen durch die verschiedenen Viertel lernte ich auch die Kulinarik des Landes kennen, die allgegenwärtigen Empanadas, herzhaft gefüllte Blätterteigtaschen, Humitas, in Maisblättern gedünsteter Maisbrei, frische Meeresfrüchte, mir zuvor unbekannte Fischarten wie Merluza und Reineta und natürlich der weltbekannte Rotwein. Neben diesen ersten Begegnungen mit der traditionellen Kultur musste ich jedoch feststellen, dass Santiago ansonsten eine globalisierte Großstadt ist, in der an vielen Stellen besonders die US-amerikanische Lebensart einstige, eigene Werte abgelöst hat.

Strange things: Mordor & Shopping Malls

Das höchste Gebäude Lateinamerikas ist drohender Ausdruck dieses Verfalls: das Costanera Center, manchmal auch liebevoll „Mordor“ genannt, beherbergt vor allem eine sechsstöckige Shopping Mall, deren Besuch bei so manchen Ansässigen als soziales Ereignis gesehen wird – bei mir allerdings nur Widerwille erregte.

Santiago de Chile Mordor

In den ersten Wochen erkundete ich die Stadt bei jeder Gelegenheit, die teils kostenlosen Museen und die umliegenden Berge, doch mit jedem Tag wurde in mir der Drang stärker aus diesem überdimensionalen Ameisenhügel zumindest für kurze Zeit auszubrechen.

So setzte ich mich dann freitags in den nächstbesten Bus, der die etwa hundert Kilometer gen Westen an den Ozean fährt, an den Hafen von Valparaiso, der früheren Hauptstadt. Der einstige Handelsreichtum dieses Ortes ist vor einem Jahrhundert mit der Eröffnung des Panamakanals verflogen. Dank eines einzigen, gigantischen Bauwerks war die Umsegelung Südamerikas plötzlich für all die europäischen Schiffe auf dem Weg an die Westküste des Kontinents quasi hinfällig geworden.

Streetart & Graffiti in Valparaiso

Heute ist „Valpo“ für seine farbenfreudige Straßenkunst bekannt und ich bemerkte, hier weht doppeldeutig ein anderer Wind: auf der einen Seite spürt man jederzeit die Nähe des entlangfließenden Humboldtstroms, der antarktisches Wasser längs der Ufer Chiles nordwärts führt und im Zuge dessen die Sommerluft erheblich abkühlt.

Und andererseits ist hier auch die gefühlte Lebenseinstellung eine andere: Die Menschen sind entspannter, alles ist gemütlicher und die Alltäglichkeit der Kunst verleiht diesem Ort einen eindrucksvollen Flair. Vergleichbar mit den Straßen Barcelonas oder Lissabons, doch unorganisierter. Und in stetigem Wandel kann man hier fast jeden Morgen ein neues Streetart Werk auf den Wänden entdecken, für das eines seiner Vorgänger aus dieser urbanen Galerie weichen musste.

Valparaiso Valpo Chile Streetart Graffiti

Valparaiso Chile Streetart Graffiti

Die Rückkehr nach Santiago, nach einem Wochenende in diesem magischen Labyrinth der Entdeckungen, fiel mir nicht leicht. Doch ich beschloss von diesem Moment an meinen freien Tage die Stadt so oft es ging zu verlassen. Die nächste Möglichkeit ergab sich schon bald, denn es nahte die Weihnachtszeit.

Auch wenn sich alles in mir sträubte, die dreißig Grad hier, fernab der Familie, eine Jesuskrippe unter Palmen, irgendetwas stimmte hier nicht. Ein argentinischer Freund hatte mich eingeladen, die Festtage bei ihm und seiner Familie im Staat Santa Fe in Argentinien zu verbringen und da mich diese Region und die Passage der Anden interessierte, hatte ich direkt zugesagt.

Merry Christmas in Sandalen

Dann kamen die Feiertage, welche mir wohl lange in Erinnerung bleiben werden. Nicht nur, weil es so absolut anders war als die Weihnachtsfeste, die ich bisher erlebt hatte, sondern auch dank der großen Gastfreundlichkeit, die ich von allen Personen spürte, die mir zeigten, dass ich hier nicht nur eingeladen, sondern herzlich willkommen war und in die Familie aufgenommen wurde.

Bis spät in die Nacht saßen wir in der Familienrunde nach dem typischen Asado, dem traditionellen argentinischen Barbecue, draußen unter dem lauen Nachthimmel, mit Gitarre und Gesang, und unterhielten uns über alle Themen, die mein spanisches Vokabular mir erlaubten.

Silvester back in „Valpo“

Einige Tage später kehrte ich nach Santiago zurück, mit dem Vorhaben das Neujahrsfest in Valparaiso zu verbringen. Die Stadt ist berühmt für ihr aufwändiges Feuerwerk an Silvester und ich hatte mich entschieden, diese chaotische Stadt in ihrem chaotischsten Zustand zu begutachten. In Chile ist es leicht neue Leute kennenzulernen und das Spanisch, dass ich in meinem ersten Monat gelernt hatte, reichte aus, um mit angeheiterten Menschen eine lebendige Konversation zu führen.

So auch in dieser Silversternacht. Ich erinnere mich noch, wie ich schließlich, ohne jegliches Zeitgefühl, aus einer Bar stolpernd, feststellte, dass die Sonne schon höher am Himmel stand als ich es vermutet hatte. Als ich durch die Straßen spazierte, begegnete ich überall feiernden Menschen, die sich weigerten von der Sonne heimgeschickt zu werden.

Die Atacama Wüste: Sanddünen, so weit das Auge reicht

Atacama Wüste Chile Rundreise Südamerika

Im Norden Chiles, nahe der Grenzen zu Peru und Bolivien, findet man einen der trockensten Orte der Welt, die Atacama Wüste. Ursprünglich stellte ich sie mir wie eine Landschaft aus Tausendundeiner Nacht vor. Mit nichts außer Sanddünen, so weit das Auge reicht.

Doch ich irrte mich, denn die Atacama Wüste befindet sich auf einem Hochplateau und ist übersät mit kleinen Steinen und Felsen. Außerdem wird sie bewacht von den umliegenden Gipfeln der Anden, die naturnah, von den hier ansässigen indianischen Ureinwohnern, als Geister der verehrten Vorfahren angesehen werden.

Atacama Wüste Chile Rundreise Südamerika

Atacama Wüste Chile Rundreise Südamerika

In der Atacama Wüste sieht man immer wieder große, weiße Flächen auf der Erde. Dabei handelt es sich um Salzkristalle, die zurückgeblieben sind, als sich vor einigen Millionen Jahren das Land aus dem Ozean erhoben hatte und in den neuentstanden Tälern aufgefangenes Salzwasser nach und nach verdampfte oder sich in noch heute existierende Salzseen sammelte.

Atacama Wüste: Flamingos in San Pedro

San Pedro ist ein beliebter Ort bei Reisenden, ein kleines Dorf, welches sich mittlerweile ausschließlich auf Touristen konzentriert. Von hier starten Touren zu Gebirgsseen, die Flamingos beheimaten, zu Thermalbädern und Geysirs, die bei Sonnenaufgang das Grundwasser in hohen Fontänen aus dem Boden schießen.

Atacama Wüste Chile Rundreise Südamerika

Und am Ende eines Tages, wenn die Sonne untergeht, dann inszeniert sich eine kostenlose Ausstellung der schönsten Sterne, Planeten und Galaxien am schwarzen Nachthimmel. Diese Jungfräulichkeit der Strahlung ist der Grund, warum man hier eines der teuersten und besten Teleskope gebaut hat, welches die Astronomie revolutionierte: das Atacama Large Millimeter Array (ALMA).

Atacama Wüste Chile Rundreise Südamerika

Seba, mein chilenischer Professor, führte mich zu diesem monströsen Antennenpark, mit welchem die Menschheit wie durch ein Schlüsselloch in das Universum blicken kann. Jede Nacht richten sich die 66 Empfänger synchron – wie Blumen in Richtung Sonne – nach verschiedenen Himmelsobjekten, jede einzelne der Schüsseln mit dem Fassungsvermögen eines ganzen Swimmingpools.

Praktikum Chile Rundreise Südamerika

Ende Januar ging dann meine zweimonatige Studienzeit in Santiago zu Ende und ich hatte noch drei Wochen Backpacking im Süden Chiles geplant. Der Begriff Patagonien hatte für mich als Jugendlicher immer etwas Wunderbares, Unerreichbares, wie eine Art Fantasieland aus einem Märchen.

Backpacking im wilden Patagonien

Als ich dann dorthin reiste, zuerst in den Ort Coyhaique, hatte ich tatsächlich das Gefühl in ein Traumland zu kommen. Ich hatte mir vorgenommen in den drei Wochen kein Hotel und keine Herberge zu buchen.

Durch Souchsurfing lernte ich viele Leute kennen, die mir durch ihre Offenheit und Herzlichkeit schnell zu Freunden wurden. Die vier Tage während meiner Anwesenheit waren übrigens die wärmsten in den letzten dreißig Jahren in diesem Ort und bei siebenunddreißig Grad im Schatten gingen wir in Flüssen baden und bewegten uns ansonsten nur langsam während des Tages. Erst mit der Kühle der Nacht belebte sich der Ort und füllte die Straßen und Tanzclubs bis zum nächsten Sonnenaufgang.

Die patagonische Landschaft beeindruckte mich: dichter und üppiger Nadelwald in diesem mit Schneegipfeln bestückten Gebirge, weitläufige, grüne Wiesen und immer wieder der strahlend-blaue Himmel. Ich fasste den Plan in Richtung Norden meinen Weg per Anhalter zu machen und stellte mich also optimistisch an die Straße, die berühmte Carretera Austral.

Patagonien Chile Rundreise Südamerika

Patagonien Chile Rundreise Südamerika

Schon nach fünf Minuten winkte mir ein Fahrer in orangenem Overall zu und deutete mir an einzusteigen. Er war auf dem Weg zu einer Baustelle, um in dieser Hitze zu schuften, und er war Mapuche. Über diesen Stamm hatte ich schon einiges gehört, denn sie sind als beständige Krieger bekannt, denen alleine es von allen Indianerstämmen gelungen war den Spaniern während der Kolonialisierung über Jahrhunderte Paroli zu bieten.

Trampen im Land der Mapuche

Ich war also im Auto eines Mapuche gelandet, er hieß Oswaldo und erzählte mir von den riesigen Wäldern und der vielfältigen Fauna Patagoniens. Er sprach zu mir von der Schönheit, aber auch von der Zerstörung der Natur und dem Verlust des Respekts vor Lebewesen. Ich nahm Anteil an seinem „Zwiespalt“ zwischen seiner traditionellen Herkunft und seinem heutigen Leben, zwischen Natur und Baustelle, zwischen erhabener Kriegertracht und orangenem Arbeitsoverall.

Erst nachdem ich aus seinem Auto wieder ausgestiegen war, bemerkte ich, dass ich meinen einzigen Pullover, den ich dabei hatte, auf der Straße vergessen hatte, bevor ich eingestiegen war.

Patagonien Chile Rundreise Südamerika

Ich trampte also wieder den Weg zurück, um meinen Pullover einzusammeln und dann erneut die Richtung zu wechseln. So wechselte ich von Beifahrersitz zu Beifahrersitz und es war eine Mischung aus Neugierde und Überraschung, wie bei einer Wundertüte, wenn ich wieder eine Autotür öffnete und jemand neues kennenlernte.

So fuhr ich an diesem Tag noch mit einem inspizierenden Brückenkonstrukteur, einem Fahrer eines heruntergekommenen Krankenwagens und schließlich ganze dreihundert Kilometer am Stück mit drei Fischern, die übers Wochenende angeln waren und – der Geruch bestätigte dies – äußerst erfolgreich gewesen waren.

Mit Enno on the road…

Einige Tage später und etliche Kilometer nordwärts traf ich mich in Puerto Montt mit Enno, einem Freund aus Deutschland, der mich ziemlich spontan besuchen kam. Wir lebten diese letzten zehn Tage meiner Reise größtenteils quasi „von der Hand in den Mund“, campten nachts wild an entlegenen Stellen in der Natur, auf kleinen Sandstränden oder an Flussufern. Immer da, wo wir niemanden störten.

So verbrachten wir einige Tage auf der Insel Chiloé, bevor wir uns in Etappen nach Norden bewegten, durch die mit Vulkanen bestückte Landschaft.

Backpacking Chile Rundreise Südamerika

Backpacking Chile Rundreise Südamerika

In der Universitätsstadt Valdivia schliefen wir in dem verwilderten Garten eines sozialen Hauses, nachdem wir dessen Bewohner gefragt hatten, und besuchten anschließend den Nationalpark Huerquehue, über dessen korrekte Aussprache ich mir bis heute nicht vollständig sicher bin. Letztendlich erreichten wir Santiago, den Ausgangspunkt und Ankunftsort unserer Reise.

Was ich politisch über Chile gelernt habe

Es wäre mir kein vollständiger Reisebericht, wenn ich nicht auch die gesellschaftliche und politische Situation des Landes erwähnen würde. Chile befindet sich politisch seit Jahren in einem Identitätskonflikt und ist entzweit: Pinochet, der faschistische Diktator, der in den Siebzigern und Achtzigern herrschte, spaltet noch heute die Bevölkerung, denn die Verbrechen, die damals geschehen sind, wurden nie wirklich aufgearbeitet und vor Gericht verhandelt.

Und so spricht sich noch heute ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung für eine Rückkehr zu jenen politischen Zeiten aus, ohne sich wirklich an das Unrecht erinnern zu wollen. Und die zentrale Frage bei allen politischen Diskussionen ist: Sollte sich das Land der Globalisierung nach Vorgaben der USA anschließen oder sich auf die eigenen Traditionen und Werte besinnen und einen eigenen Weg wählen?

Gastfreundschaft & Zukunft

Viele Chilenen sind der Ansicht, dass diese „Kooperation“ der westlichen Länder keine Kooperation auf Augenhöhe ist und dass das Land derzeit für ausländische Investoren und günstige Kredite seine Minen öffnet, seine Wälder abholzt, seine Flüsse verschmutzt und damit letztendlich seine Seele verkauft. Die Menschen, die sich dieser Entwicklung widersetzen und ihre eigenen Werte bewahren wollen, haben eine Herkulesaufgabe zu bewältigen.

Doch ich wünsche ihnen auf ihrem Weg das Beste. Denn der Reichtum Chiles liegt nach meiner Meinung in der Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Menschen, dem vielfältigen Spektrum der verschiedenen Kulturen und in der atemberaubenden und schützenswerten Natur.

Atacama Wüste Chile Rundreise Südamerika

Roadtrip & Atacama Wüste – Photocredit: Philipp Weber / Sebastián Pérez

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Die Atacama Wüste - Highlight meines Chile-Trips. #Chile #Südamerika #Reisen #Reiseinspiration #Wüste

Philipp Weber

Ich habe Astronomie studiert, reise gerne in Europa, Asien und Südamerika und freue mich vor allem auf meinen Reisen neue Kulturen kennenzulernen. Aufgewachsen bin ich in Süddeutschland, lebe aber inzwischen in Kopenhagen. Hier schreibe ich über meine Erlebnisse als Backpacker unterwegs. Kontakt: p.weber@people-abroad.de
Philipp Weber

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