In Brasilien leben – Erfahrungen in Südamerika

klaus-d-guenther-geliebtes-brasilien1

Nach Abschluss seines Studiums hat Klaus D. Günther seine Zelte in Deutschland abgebrochen und ist nach Brasilien ausgewandert. Dort lernte er Land und Leute intensiv kennen und Brasilien wurde ihm bald zur Wahlheimat. In Brasilien leben – hier berichtet er über seine Erfahrungen im Land.

Was möchtest du den Lesern mit deinem Buch „Geliebtes Brasilien“ vermitteln? Welche Informationen finde ich in deinem Buch, die ich beispielsweise nicht im Internet finde?

Das Buch ist kein klassischer Reiseführer, sondern die Schilderung eines persönlich erlebten Charakterbildes der verschiedensten Bewohner in den unterschiedlichsten Landesteilen. Deshalb erscheint der inhaltliche Duktus auch ein bisschen sprunghaft, vielleicht etwas verwirrend für manchen Leser, aber dahinter steht die Absicht, dieses Riesenland der kulturellen und landschaftlichen Kontraste wie ein zusammengesetztes Mosaik zu präsentieren, so wie ich es in diesen fünfzig Jahren erlebt habe – die wenigen recherchierten historischen Episoden einmal ausgenommen.

Die besondere Information dieses Buches sind, so glaube ich, die detaillierten Erlebnisberichte in den verschiedenen Landesteilen, aus meiner subjektiven Perspektive, und ich hoffe auch, dass es mir gelungen ist – trotz der Sprunghaftigkeit meiner Schilderungen – dem Leser jene ansteigende und schließlich abfallende Kurve meiner Gefühle für dieses ungewöhnliche Land zu vermitteln.

In Brasilien leben – was spricht für das Land?

Wenn man Brasilien aus der Perspektive eines Besuchers betrachtet, der dort eine wirtschaftliche Alternative sucht und reich werden möchte – dann ist Brasilien nicht das „Eldorado“. Wenn man allerdings eine „längere Zeit“ dort selbst finanzieren kann und darüber hinaus noch ein besonderes Interesse an einer überraschend üppigen Natur, Flora, Fauna und ungewöhnlichen, liebenswerten Menschen mitbringt, dann bietet Brasilien davon immer noch viel mehr als jedes andere tropische Land.

Brasilien ist also kein Land mit einer einheitlichen Kultur, sondern es gibt dort große regionale Unterschiede?

Brasilien ist alleine durch seine geografische Größe bedingt ein Land immenser Kontraste – ganz besonders hinsichtlich der unterschiedlichen Kulturen seiner Bewohner. Schon die kulturelle Basis Brasiliens ist dreigeteilt: in den Einfluss der Urbevölkerung, der Indios – den Einfluss der portugiesischen Entdecker – und den Einfluss ihrer ehemaligen afrikanischen Sklaven. Alle drei haben zum Beispiel ihren Beitrag zur Veränderung des ehemaligen klassischen portugiesischen Sprache in das heutige Brasilianisch, also Brasilianisches Portugiesisch, geleistet – auch die Aussprache und die Sprachmelodie sind ganz anders als in der Originalsprache aus Portugal.

Die Brasilianer sind zwar zu circa 80% katholisch – und damit die größte katholische Glaubensgemeinschaft der Welt, denn inzwischen zählt ihre Bevölkerung über 200 Milionen, aber viele von ihnen sind auch Anhänger von „Umbanda“ und „Candomblé“. Das sind spiritische Zirkel, die auf den von Sklaven mitgebrachten afrikanischen Glaubensrichtungen basieren.

In Amazonien findet man auch Anhänger indigener Kulte, sogar Weiße sind unter ihnen. Um die Jahrhundertwende, vom 19. zum 20. Jahrhundert, sind große Kontingente von Europäern und Asiaten eingewandert und haben sich in dem riesigen Land verteilt. Sie brachten ihre spezifischen Kenntnisse mit und prägten mit ihnen die jeweiligen Gegenden, die sie sich als neue Heimat ausgesucht hatten. Die schon dort ansässigen „Brasilianer“ lernten von ihnen und mischten sich mit ihnen in fröhlichem Entgegegenkommen, sodass man heute mehr denn je von Brasilien als einem „multikulturellen Land“ sprechen kann.

klaus-d-guenther-geliebtes-brasilien2

Und je nachdem, wo man sich in Brasilien gerade aufhält, kann man auch die typischen Wurzeln jenes Volkes entdecken, von dem dieser Landesteil maßgebend beeinflusst wurde, und seine Nachkommen sprechen noch ihre eigene Sprache. Im Norden (Amazonien) die indigenen Kulturen – im Nordosten die Portugiesen – im Südosten die Nachkommen schwarzer Sklaven (Bahia, Rio de Janeiro) – im Westen (Mato Grosso) indigene Nachkommen und weiße Pioniere (Brasília) – im Süden maßgeblich die eingewanderten Europäer, voran Deutsche und Italiener. Wobei besonders für die Europäer das angenehme, kühlere Klima des Südens der Grund für diese Wahl war. In den Großstädten wie Sao Paulo, Rio de Janeiro oder Brasília kann man heute allerdings die „Wurzeln“ ihrer Gründer nicht mehr definieren – in diesen Schmelztiegeln der Kulturen sind sie alle zu „Brasilianern“ geworden – egal welcher Hautfarbe.

Wie lässt sich die Mentalität der Brasilianer beschreiben, von Armen und Reichen, Indios, Nord- und Südbrasilianern, den Menschen aus Rio oder Sao Paulo?

Wenn man statt „Mentalität“ einmal den Begriff „Verhaltensmuster“ einsetzt, dann wird es verständlicher, dass die von mir beschriebenen Menschen, je nach Schichtzugehörigkeit und ihren damit verbundenen existenziellen Verhältnissen, bestimmte Verhaltensmuster entwickelt haben – und die kontrastieren in Brasilien ebenfalls gewaltig. Die Mentalität der Großstädter, also der normalen Bürger – nicht der „Favelados“, ist weltoffen, gastfreundlich, neugierig auf Europa – besonders auf Deutschland, großzügig und liebenswert. Dagegen sind die Favela-Bewohner, die meist aus dem armen Nordosten eingewandert sind, erst einmal misstrauisch, aber doch unschwer zu gewinnen, wenn man ihre Sprache spricht – viele ohne Schulbildung und Analfabethen, mit geringen Arbeitschancen, und werden deshalb auch von den Drogenbossen leicht als Kuriere oder Händler angeworben. Im Grunde sind sie jedoch anständige und gottesfürchtige Leute.

Die Reichen, das sind Politiker, Fernsehstars, Restaurants-, Boutiken- und Immobilienbesitzer, und natürlich die Drogenbosse, sie alle bleiben unter sich – zu ihnen habe ich nie eine Verbindung gehabt und auch nicht haben wollen.

Südbrasilien – zwischen São Paulo und Porto Alegre – ist vor allem europäisch geprägt, wie schon erwähnt, und insgesamt der wohlhabendste Teil Brasiliens. Die Menschen dort sind auch in ihrer Mentalität mit den Europäern vergleichbar – allerdings eher mit Verhaltensmustern, die einem modernen Deutschen wie aus einem vergangenen Jahrhundert vorkommen. Spazieren Sie mal von Ihrem Hotel, es heißt „Himmelblau“, hinauf zum „Gasthaus Frohsinn“ – von hier oben hat man einen schönen Blick auf die Landschaft, die an Deutschland erinnert, und wenn Ihnen dabei die Lust ankommt, eine deutsche Volksweise zu trällern, so befinden Sie sich hier unter Gleichgesinnten, die Sie im Gegenzug sicher damit überraschen werden, dass sie im Chor ihren „alten Kaiser Wilhelm wiederhaben wollen“!

Der zentrale Westen präsentiert eigentlich nur unter den Bürgern der hypermodernen Großstadt Brasília eine gewisse parallele Mentalität zu denen von Rio oder São Paulo. Ihre Stadt ist eine Enklave, aus der die, welche es sich leisten können, am Wochenende nach Rio oder São Paulo fliegen, um sich dort zu amüsieren. Um Brasilia herum, im „Cerrado“, erstrecken sich riesige Flächen, auf denen Rinder grasen, die von einheimischen „Cowboys“ bewacht werden, und deren Besitzer sporadisch mal mit ihren Privatflugzeugen von der Küste aus einfliegen, um nach dem Rechten zu sehen.

Dasselbe Bild im benachbarten Pantanal, dessen gesamte Fläche „Fazendeiros“ gehört, die begriffen haben, dass der Tourismus mehr einbringt als die Rinderzucht – also verquicken sie beides – und auch die zahlreiche Fauna dort hat etwas davon: anstatt abgeschossen zu werden, werden sie zugunsten der Besucher aus aller Welt jetzt gehegt und gepflegt – wilde Tiere grasen ohne Scheu zwischen den Rindern. Mentalität der Viehzüchter: Aufgeschlossen für Touristen – und ihre „Peoes“ (Viehtreiber) ebenfalls, weil es ihr Boss befohlen hat.

Der Nordosten ist für mich das „liebenswerteste Brasilien“ – obwohl als das „Armenhaus Brasiliens“ bekannt. Hier ist die Natur nicht besonders freundlich zu ihren Bewohnern, besonders zu denen des Interiors – aber ganz besonders reizend zu den Touristen, die inzwischen die kilometerlangen, herrlichen Strände von Pernambuco, Natal und Ceará entdeckt haben, von denen sie am liebsten nicht mehr weg wollen. Die Nordostbrasilianer der Küste haben sich ganz dem steigenden Tourismus verschrieben, sie sorgen sich nun nicht mehr um ausbleibenden Regen, wie ihre Landsleute im Interior, deren Saatgut in der vor Trockenheit aufgeplatzten Erde verdirbt, und sie von Hunger und Durst geplagt, sich nur noch auf einen einzigen Gedanken konzentrieren: „ob wohl bald Regen kommt“!

Ihr Gottvertrauen, das sie unbeirrt in ihrer Misere ausharren lässt, ist bewundernswert. Ihre Mentalität ist überraschend liebenswürdig gegenüber dem Gast – weder beklagen sie sich, noch betteln sie – das verbietet ihnen ihr Stolz, und sie bewirten den Gast mit all dem Wenigen, was sie haben.

klaus-d-guenther-geliebtes-brasilien3

Und der Norden? Hier überwiegt der indigene Einfluss – neben waschechten Indios, von denen die meisten inzwischen mit Hemd und Hose bekleidet sind, haben sich viele arme Nordöstler in den Urwald geflüchtet, in dem sie wenigstens einmal am Tag reichlich Regen abbekommen. Hier haben sie sich ein Stück Land aus dem Wald gebrannt und betreiben eine bescheidene Landwirtschaft zur Selbsterhaltung. Allerdings ist es alles andere als ein leichtes Leben – Malaria, Gelbfieber und andere Krankheiten grassieren, und ärztliche Hilfe ist zu weit weg. Eine weitere Kategorie von Einwohnern Amazoniens sind die so genannten „Ribeirinhos“, Flussbewohner, die sich an den zahlreichen Flussufern im Regenwald festgesetzt haben.

Man nennt sie auch „Caboclos“ und bezeichnet damit die Mischlinge aus Indios und Weissen, die sich oft an den Ufern von Flüssen niedergelassen haben. Ihre Hütten stehen auf Stelzen, um das sporadische Ansteigen der Flüsse zu kompensieren. Und die Mentalität der Bewohner des Nordens? Ganz unterschiedlich, würde ich sagen – je nachdem, ob sie direkt von Indios abstammen, von armen Bauern aus dem Nordosten, oder ob sie gar ganz aus dem Süden der „Gaúchos“ eingewandert sind, um im Urwald nach Gold zu graben, denn auch diese Glücksritter gibt es dort.

Mehr als fünfzig Jahre hast du in Brasilien gelebt, eine enorme Zeitspanne. Ist die Kriminalität im Land in dieser Zeit gestiegen, der Staat korrupter geworden?

Ja, der Staat ist korrupt, aber das war er wohl schon immer, mehr oder weniger. Um es weniger krass auszudrücken – und damit möchte ich meine persönliche Meinung auf die Brasilianer von Rio de Janeiro, die „Cariocas“ beschränken, unter denen ich meine diesbezüglichen Erfahrungen gemacht habe: Man nimmt gerne eine sich bietende Gelegenheit war, um sich einen Vorteil zu verschaffen – nicht nur einen finanziellen oder wirtschaftlichen, sondern auch auf anderen Ebenen, wie Ruhm, Ehre und Prestige, auch wenn man, um sie zu erreichen, „krumme Wege“ beschreiten muss – die brasilianischen Politiker sind die besten Beispiele dafür.

Ich habe mir unter Freunden, meiner Haltung wegen, den Spitznamen „Alemão inflexível“, unflexibler Deutscher, eingehandelt. Nach Jahren der Militärdiktatur, unter der diese Menschen gelitten haben, sollte man vielleicht hinsichtlich ihres ausgeprägten Dranges, sich aus sämtlichen Zwängen zu befreien und auch Regeln und Gesetze zu umgehen, ein Auge zudrücken.

Die Kriminalität in Brasilien hat verschiedene Ursachen, vor allem aber einen sozialpolitischen Hintergrund: Die meisten der kriminellen Jugendlichen sind Straßenkinder, sie sind aus einem zerrütteten Elternhaus abgehauen oder als Waisen aufgewachsen, haben sich zu Gruppen zusammengeschlossen, leben vom Diebstahl und dem Verkauf des Diebesgutes und schlafen in abgelegenen Winkeln und unter Brücken der Stadt.

Dabei ist Brasilien hinsichtlich seiner Rohstoffe und Agrarprodukte eines der reichsten Länder der Erde – allerdings wird davon das meiste exportiert, und die Einnahmen werden nur spärlich für die innere Entwicklung des Landes investiert, sondern verschwinden in irgendwelchen privaten Taschen. „Korruption gibt es auf der ganzen Welt – in Brasilien ist sie politische Kultur“, so lautet ein Sprichwort.

klaus-d-guenther-geliebtes-brasilien4

Alle Fotos stammen vom Autor – mit freundlicher Genehmigung von Klaus D. Günther.

Das Interview „In Brasilien leben“ führte Erwin Ritter.

[Werbung] Buchtipp:

  • Autor: Klaus D. Günther
  • Verlag: Mana Verlag
  • Titel: Geliebtes Brasilien – Eine kritisch-humorvolle Liebeserklärung an das Land der Träume
  • 368 Seiten, Broschur, 14×20 cm
  • ISBN (Buch): 978-3-95503-064-3

>>mehr Info & bestellen bei Buch7 – die soziale Firma

Mein Brasilien - Interview mit Klaus D. Günther #Reise #Brasilien #Kultur #Gesellschaft #Südamerika

Erwin Ritter

Als Schüler bin ich mit dem Fahrrad und Mofa kreuz und quer durch Deutschland gefahren. Nach meiner kaufmännischen Ausbildung war ich in Frankreich, danach in Finnland. Dort habe in einem Feriendorf in Lappland gejobbt. Danach verschlug es mich aus beruflichen Gründen für zwei Jahre nach Irland. Hier schreibe ich rund um das Thema Ausland und Reisen. Kontakt: e.ritter@people-abroad.de
Erwin Ritter

1 Antwort zu “In Brasilien leben – Erfahrungen in Südamerika

  1. […] in Südamerika interessiert, findest du hier im Blog Artikel zu Bolivien und Brasilien... https://www.people-abroad.de/blog/mexiko-yucatan-tipps

Schreibe eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.