Die USA – ein Land der Gegensätze

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Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist für viele sehr faszinierend, es steckt aber auch voller Gegensätze. Nicht nur klimatisch, sondern auch kulturell und gesellschaftlich. Die Journalistin Michaela Haas, die in Bayern und Kalifornien lebt, kennt das Land schon lange und hat über ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben. Wir waren neugierig und haben sie befragt.

Die USA – ein Land der Gegensätze und Extreme

Michaela Haas ist freie Journalistin und schreibt regelmäßig für die Süddeutsche Zeitung, Geo, Zeit und für andere Zeitungen und Magazine. In ihrem neuen Buch „Crazy America: Eine Liebeserklärung an ein durchgeknalltes Land“ berichtet sich vor allem über die Gegensätze, die dieses Land bietet. Nicht erst seit der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten. Uns hat besonders interessiert, ob die Eindrücke aus den Medien mit der Realität in den USA übereinstimmen? Wir haben sie zu ihren Erfahrungen interviewt und unsere Interview-Fragen teilweise mit Thesen ergänzt.

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Was fasziniert Sie als Deutsche besonders an den USA?

Michaela Haas: Mich fasziniert, dass dieses Land es fertig bringt, gleichzeitig sexbesessen und prüde zu sein, religiös und materialistisch, extrem arm und unermesslich reich. Amerikaner fliegen zum Mond und senden Sonden zum Mars, haben aber eine Säuglingssterblichkeitsrate wie in der dritten Welt. Sie stemmen sich gegen Einwanderer, stammen aber zum Großteil selbst aus Immigrantenfamilien. Es sind diese Gegensätze, die mich faszinieren. Und natürlich die Weite, die Natur und die Tatsache, dass man auch als Ausländerin mit offenen Armen empfangen wird. Dass ich als Deutsche problemlos in Amerika publizieren kann, hätte ich nicht gedacht.

Klären Sie uns auf – wie ticken die Amerikaner wirklich?

Michaela Haas: Das frage ich mich zunehmend auch! Sie können in Amerika durch fünfzig äußerst verschiedene Staaten reisen. Ein Evangelikaler im Bibelgürtel tickt natürlich ganz anders als ein Musikmanager in Los Angeles, ein Bauer in Minnesota hat mit einem Fondsmanager in New York so gut wie nichts gemein. Selbst innerhalb der einzelnen Bundesstaaten sind es oft nur ein paar Schritte oder Kilometer, bis man über die nächste Subkultur stolpert. Die Gegensätze haben sich gerade in den letzten Jahren und nun nochmal durch Trump extrem verschärft. Freundlich sind die Amis aber (fast) alle.

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Warum sind die Amerikaner so stark leistungs- und erfolgsorientiert?

Unsere These: Die meisten Amerikaner konzentrieren sich auf die eigene Karriere, denn die USA ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied und mit Gottes Gnade kann man jede Position erreichen. Das kann aber auch bedeuten, dass die Angst des persönlichen Versagens viele Amerikaner antreibt. Sie versuchen sich deshalb als Gewinner zu präsentieren und sich nach außen hin gut zu „verkaufen“. Positiv scheint zu sein, dass man sehr viel experimentieren und ausprobieren, sich beruflich neu orientieren kann. Stimmt das?

Michaela Haas: Ich habe lange nicht verstanden, warum die Amerikaner so verkniffen an ihren Jobs hängen, auch bei Krankheit mit zusammengebissenen Zähnen ins Büro gehen und sich oft nicht einmal die gesetzlich verordneten zwei Wochen Urlaub gönnen. Inzwischen verstehe ich es sehr gut: Das soziale Netz hat hier viele, viele Löcher. Ein Schicksalsschlag reicht aus, um hindurchzufallen. Auf dem Papier mag Amerika eines der reichsten Länder der Welt sein, aber im Alltag haben viele Amerikaner weniger zum Leben als die Franzosen oder Deutschen. Wer seinen Arbeitsplatz los ist, hat auch schnell keine Krankenversicherung mehr. Viele Betriebe kennen so etwas wie bezahlte Krankentage oder Mutterschaftsurlaub nicht.

Der „American Dream“, den Sie ansprechen, dass es also jeder mit harter Arbeit nach oben schaffen kann, bleibt für viele genau das: ein Traum. Der Sog der Rags-to-Riches-Storys hat auch dazu geführt, dass Amerika recht wenig Mitgefühl (und handfeste Unterstützung) für diejenigen übrig hat, die es nicht schaffen, sich aus einer miserablen Kindheit, Armut oder Obdachlosigkeit zu befreien. Allein in Los Angeles leben mehr Obdachlose als in ganz Deutschland zusammen. Der „Pursuit of Happiness“ ist zwar der Treibstoff, der die Nation am Rotieren hält. Aber der Anteil der Amerikaner, die optimistisch in die Zukunft blicken, sank von fast achtzig auf fünfzig Prozent.

Wer ernsthaft erkrankt, zum Beispiel an Krebs, verliert meist seinen Arbeitsplatz. Es gibt also eine Kehrseite dieser einseitigen amerikanischen Glücksbotschaft, die aus Fernsehspots und Zeitschriftenanzeigen trällert: Ein Viertel der amerikanischen Frauen nimmt Antidepressiva, mehr als ein Drittel der Amerikaner leidet an Angstzuständen. Die ungedimmte Strahle-Laune, der unverbesserliche Optimismus vieler Amerikaner, die „Yes, We Can!“-Tatkraft ist toll und ansteckend, solange sie echt ist. So wird Amerika zu einer ewigen Selbstverbesserungs- und Optimierungsmaschine, die ständig röhrt und rauscht und bei der man immer aufpassen muss, nicht den Kürzeren zu ziehen.

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Wie wichtig sind für die Amerikaner Freundschaften?

Unsere These: Einerseits sind die Leute sehr freundlich, man plaudert über alles Mögliche, gegenüber Nachbarn ist man sehr tolerant, lässt ihn meist machen, was er möchte. Anderseits: enge freundschaftliche Kontakte sind eher selten, weil man häufiger beruflich umzieht, von der Arbeit spät nach Hause kommt, die Freizeit meist vor dem Fernseher verbringt. Ein Vereinsleben, vergleichbar wie in Deutschland, ist wesentlich weniger verbreitet. Stimmt das?

Michaela Haas: Das stimmt absolut. Es ist irrsinnig einfach, Leute kennenzulernen, weil fast alle gerne miteinander plaudern und aufeinander zugehen, selbst wenn man nur im Supermarkt nebeneinander in der Schlange steht. Es ist einfach netter, wenn die Kassiererin freundlich gurrt, „Sweeeeetie, wie läuft’s heute?“, anstatt im Aldi-Format „Macht sechs fuffzich“ zu knurren. Im Land des Small Talks gehört es dazu, sich gegenseitig zu versichern, wie nett, großartig und toll der andere ist. Aber am nächsten Tag erkennt einen dann der Mensch, mit dem man gestern noch so nett geplaudert hat, schon nicht mehr.

Alle sind hier immer beste Freunde – überall, nur nicht in Wirklichkeit. Es ist gut möglich, dass auch nach Jahren das Gespräch nie über Wetter, Golf und Kinder hinausgeht. Deshalb ist es schwer, echte Freundschaften aufzubauen. Vereine oder Clubs gibt es auch in Amerika, aber selbst da geht es unverbindlicher zu als in Deutschland. Und die Amis haben tatsächlich wesentlich weniger Freizeit, das ist eine Tatsache.

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Welchen Stellenwert haben die Kirchen heute in den USA?

Unsere These: Die Kirchen in den USA sind meist sehr konservativ in ihrer Weltsicht. Sie glauben häufig, dass sie die Auserwählten Gottes sind und die USA die beste Nation der Welt ist. Die Kirchen sind andererseits aber auch soziale Schutzschirme. Wenn sich jemand verschuldet, bekommt er Spenden und wird durch die Kirche aufgefangen. Die Kirche ist somit das soziale Netz. Ein weiterer möglicher Grund, warum viele Menschen gläubig sind: die Zeiten des Aufschwungs und der gut bezahlten Jobs ist für viele vorbei. Man sucht aus diesem Grund den Schutz in der Kirche. Stimmt das?

Michaela Haas: Ja und nein. Dass die Kirchen in vielen Gegenden das soziale Netz aufspannen, ist richtig. Aber dass die Amerikaner grundsätzlich religiöser sind, sieht oft nur so aus. Politiker beenden ihre Reden gerne mit „God Bless America“, aber oft sind das nur Lippenbekenntnisse. Wenn man die Amerikaner befragt, scheinen sie religiöser zu sein als wir in Deutschland. Wenn man dann genau hinsieht, gehen sie aber auch nicht öfter in die Kirche und beten auch nicht mehr als die Deutschen.

Buchtipp: Crazy America: Eine Liebeserklärung an ein durchgeknalltes Land, Goldmann-Verlag, 2017, Taschenbuch, 10 EUR, ISBN: 978-3-442-15931-4, >>> zu unserer Buchbesprechung

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MichaelaHaasAuthorportrait2012 - Die USA - ein Land der GegensätzeMichaela Haas ist Journalistin, Moderatorin, Autorin und lebt in Bayern und Kalifornien. Die USA kennt sie schon lange und sie berichtet immer wieder als freie Korrespondentin über das Land. Weitere Infos zu ihr gibt es auf www.michaelahaas.com sowie auf Facebook und bei Twitter.

 

 

 

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Erwin Ritter

Erwin Ritter

Als Schüler bin ich mit dem Fahrrad und Mofa kreuz und quer durch Deutschland gefahren. Nach meiner kaufmännischen Ausbildung war ich in Frankreich, danach in Finnland. Dort habe in einem Feriendorf in Lappland gejobbt. Danach verschlug es mich aus beruflichen Gründen für zwei Jahre nach Irland. Hier schreibe ich rund um das Thema Ausland und Reisen.
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1 Antwort zu “Die USA – ein Land der Gegensätze

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