Die USA – Land der unbegrenzten Möglichkeiten?

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Die USA gilt als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Sowohl landschaftlich als auch kulturell ist Amerika extrem vielfältig. Allerdings gibt es auch große Gegensätze – im gesellschaftlichen Bereich oder bei politischen Themen. Wir wollten wissen wie die Amerikaner tatsächlich ticken. Die USA-Kennerin Ingrid Henke berichtet über ihre Eindrücke.

Die USA – Land der unbegrenzten Möglichkeiten?

Ingrid Henke studierte Amerikanistik und sie hat schon zahlreiche Reisen in nahezu alle Winkel der USA unternommen. Als Autorin und Fotografin beschäftigt sie sich immer wieder mit dem Land und seinen Menschen. Für den Reise Know-How-Verlag hat sie „KulturSchock USA“ geschrieben, ein Buch über die kulturellen Besonderheiten und die Denk- und Verhaltensweisen der Amerikaner. Wir wollten von ihr wissen, ob die Eindrücke aus den Medien über die gesellschaftlichen Gegensätze mit der Realität übereinstimmen. Unsere Fragen an sie haben wir teilweise mit Thesen ergänzt.

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Wie ist diese Faszination für das Land Amerika entstanden?

Ingrid Henke: Das erste große Interesse an den USA ist dadurch entstanden, dass ich mich als 16-jährige in einen durch Europa reisenden Amerikaner verliebt habe. Dann habe ich Amerikanistik studiert und bin schon als Studentin zweimal für jeweils drei Monate durch die USA gereist. Und schon immer – bis heute – hat mich die Internationalität der USA, insbesondere in den Großstädten und ganz besonders in New York, fasziniert. Man kann hier Menschen aus aller Welt treffen. Diese Vielfalt gefällt mir. 2001 habe ich dann angefangen Menschen in New York zu porträtieren mit unterschiedlicher Herkunft, Rasse und ethnischer Zugehörigkeit. Mein Konzept war es die Menschen in mehreren Fotos zu portraitieren und etwas Typisches über ihr Leben dazu zu schreiben. Das wurde inzwischen weiter geführt und unter „Humans of New York“ umgesetzt.

Mich hat darüber hinaus auch schon immer diese Weitläufigkeit des Landes fasziniert. Bei meinen ersten Reisen bin ich von New York aus an die Westküste und wieder zurück gereist. Man kann endlos fahren, durchstreift unterschiedliche Klimagürtel und Landschaftszonen, ohne eine Grenze zu passieren. Als Studentin mit Rucksack habe ich auch die amerikanische Freundlichkeit und Gastfreundschaft sehr geschätzt. Viele Menschen haben uns eingeladen auf ein, zwei Übernachtungen und uns dann wieder an einen Punkt gebracht von dem man aus gut weiterreisen konnte. Kurz gesagt fasziniert mich die Vielfalt des Landes sowohl in Bezug auf Menschen, Landschaften und Städtebildern.

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Wie ticken die Amerikaner wirklich, wie sind sie geprägt?

Ingrid Henke: Im Gegensatz zu Deutschland ist in den USA das Gefühl der Eigenverantwortlichkeit für das eigene Leben viel stärker ausgeprägt. Historisch gesehen waren die Regierung bzw. der Staat oft weit weg. Wenn man nicht selbst eine Lösung für seine Probleme fand, hatte man verloren. Unterstützung gab es eventuell von den Nachbarn, der Religionsgemeinschaft oder der ethnischen Community. Das hat sich teilweise bis heute erhalten. Die in Deutschland vorhandene Einstellung ein solidarisches staatliches Systems aufzubauen, wie zum Beispiel bei den Krankenkassen und die Vorstellung, dass der Staat für die Bürger zu sorgen hat, ist in USA nicht sehr verbreitet.

Eigeninitiative ist gefragt und wird auch nicht durch extreme Regulierungen, Gesetze und Bürokratie eingeschränkt, wie es in Deutschland üblich ist. Für viele Berufe gibt es keine Ausbildungen wie in Deutschland zum Beispiel mit der Handwerkerlehre, mit Gesellen- und Meisterabschluss. Wenn man eine Idee hat, versucht man sie umzusetzen, beginnt ein Geschäft. Do it yourself und mit „Trial and Error“ lernt man, was funktioniert und was nicht. Der Erfolg entscheidet. Wenn man scheitert, lässt man sich nicht entmutigen, sondern startet etwas Neues.

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Wie wichtig sind für die Amerikaner Freundschaften?

Unsere These: Einerseits sind die Leute sehr freundlich, man plaudert über alles Mögliche, gegenüber Nachbarn ist man sehr tolerant, lässt ihn meist machen, was er möchte. Anderseits: enge freundschaftliche Kontakte sind eher selten, weil man häufiger beruflich umzieht, von der Arbeit spät nach Hause kommt, die Freizeit meist vor dem Fernseher verbringt. Ein Vereinsleben, vergleichbar wie in Deutschland, ist wesentlich weniger verbreitet. Stimmt das?

Ingrid Henke: Bei Treffen mit Freunden und Bekannten, Essenseinladungen, Barbecues, Parties oder auch zufälligen Treffen versucht man tatsächlich Konfliktthemen zu vermeiden. Warum auch nicht? Man trifft sich selten und bei 90% der Themen versteht man sich meist. Warum sollte man sich dann in dem bisschen gemeinsamer Zeit über die Konfliktthemen streiten. Außerdem sind die USA ein Land mit Menschen, die ihre Wurzeln in aller Welt haben, mit unterschiedlichem ethnischen, religiösen, kulturellen Hintergrund. Um diese Vielfalt zu respektieren, fokussiert man sich auf die Gemeinsamkeiten und nicht auf die Unterschiede.

Viele Amerikaner gehen auch häufig zum Sport oder sie treffen sich in Bars. Man muss – wie auch in Deutschland – zwischen dem Leben auf dem Land und in der Stadt unterscheiden. In den Städten gibt es viele Bars und Clubs, um sich zu treffen und auszutauschen. Auf dem Land gibt es wenig Bars, wo man sich treffen kann. Oft spielt sich das soziale Leben in der religiösen Gemeinde ab und nach dem Gottesdienst tauscht man sich mit den Gemeindemitgliedern aus. Oder man lädt zu einem Barbecue oder einer Party ein, wo man dann die relativ weit auseinander lebenden Nachbarn trifft.

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Welchen Stellenwert haben die Kirchen heute in den USA?

Unsere These: Die Kirchen in den USA sind meist sehr konservativ in ihrer Weltsicht. Sie glauben häufig, dass sie die Auserwählten Gottes sind und die USA die beste Nation der Welt ist. Die Kirchen sind andererseits aber auch soziale Schutzschirme. Wenn sich jemand verschuldet, bekommt er Spenden und wird durch die Kirche aufgefangen. Die Kirche ist somit das soziale Netz. Stimmt das?

Ingrid Henke: Die ersten europäischen Siedler in den USA waren Puritaner. Man kann nicht unbedingt sagen, dass diese religiöse Gruppe zu dieser Zeit konservativ war. Sie übernahm viele reformatorische Elemente und setzte sich von der Anglikanischen Kirche ab, die größtenteils eine Adaption des Katholizismus war, nur ohne Anerkennung des Pabstes. Sie waren mutig, gaben alles auf und hofften in der neuen Welt eine freie Gesellschaft aufbauen und ihren Glauben leben zu können. Wie gesagt, die Regierung und der Staat waren weit weg. Man konnte nicht auf deren Unterstützung warten. Da war die Gemeinde das Zentrum und man versuchte Hilfe zu leisten. Das hat sich vor allem in den ländlichen Regionen bis heute erhalten.

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Fotos: Ingrid Henke, Titelbild: Heiko Müller

[Werbung] Buchtipp: KulturSchock USA, Reise Know-How-Verlag, 288 Seiten, ISBN: 978-3831712922, >> zu unserer Buchbesprechung. Lust auf mehr USA-Bücher? Hier gibt’s eine Bücherliste & Buchbesprechungen

Unsere Fragen zu den USA und den Amerikanern hat auch Michaela Haas, eine weitere USA-Kennerin, beantwortet. Ihre Einschätzung findest du hier.

Steffi Leja ist durch den Südwesten der USA gereist – ihren Artikel gibt’s hier.

Erwin Ritter

Erwin Ritter

Als Schüler bin ich mit dem Fahrrad und Mofa kreuz und quer durch Deutschland gefahren. Nach meiner kaufmännischen Ausbildung war ich in Frankreich, danach in Finnland. Dort habe in einem Feriendorf in Lappland gejobbt. Danach verschlug es mich aus beruflichen Gründen für zwei Jahre nach Irland. Hier schreibe ich rund um das Thema Ausland und Reisen.
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2 Antworten zu “Die USA – Land der unbegrenzten Möglichkeiten?

  1. Amelie Zuber Antworten

    Wenn man Max Weber glauben möchte, dann waren die Puritaner ja auch diejenigen, die durch die religiös verankerte Arbeitsethik den Kapitalismus mitbefördert haben. Amerika ist auf jeden Fall ein ungeheuer spannendes Land, dessen Einwohner einerseits hochgradig in ihrer Meinung geteilt, in ihrem „Wir“ Gefühl als Amerikaner aber unglaublich stark verbunden sind. Es ist schwer zu beschreiben wie gleichzeitig unterschiedlich und doch gleich damit die Menschen sind.

    Als Pool sehr diverser Erfahrungen, Landschaften und Unterschiede ist und bleibt die USA auf jeden Fall ein sehr spannendes Erlebnis und ich freue mich jedes mal wieder, die Menschen dort zu besuchen. Vielen Dank für diesen schönen Artikel zu diesem Land!

    1. Heiko Müller Antworten

      Lieben Dank, Amelie, für dein Feedback – das freut mich sehr. Ich finde auch, dass die USA ein spannendes und unheimlich abwechslungsreiches Land ist, das sich immer lohnt als Reiseziel. Als Reisender habe ich mich bisher sehr willkommen gefühlt, wenn ich im Land unterwegs war.

      Und ich teile das, was du schreibst: die Amerikaner sind als Nation zwar politisch gespalten, aber in ihrem „Wir“-Gefühl doch wieder sehr vereint. Es bleibt spannend, wie sich das Land politisch weiter entwickeln wird. 😉

      Liebe Grüße
      Heiko

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