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Vom Pilgern und auf der Suche sein

Interview von Nadia Russek mit einer Pilgerin des Jakobsweges:

 

Vom Pilgern und auf der Suche sein

Entlang der Milchstraße auf einem der ältesten Pilgerwege der Welt zu wandern ist unzweifelhaft inspirierend. Gerade diese Möglichkeit wurde auch reichlich im Heiligen Compostellianischen Jahr von Millionen Pilgern genutzt. Aus der Idee, rechtzeitig zum Jakobus-Fest in Santiago de Compostella anzukommen, wurde für viele unterwegs eine gemeinsame Wanderung zu einem gemeinsamen Ziel, was wohl auch nur mit einem „der gemeinsame Weg wurde das gemeinsame Ziel“ bezeichnet werden kann. Auf den 525 km traf ich Menschen, die vor- und wieder rückwärts gingen, zu Fuß oder mit dem Rad, alleine oder in Gruppen, jüngere und ältere, aus den vielfältigsten Motiven. Ob tief gläubig oder mit dem Bedürfnis nach ureigener körperlicher und seelisch-geistiger Erfahrung unterwegs - die Freude über das gewagte Unterwegssein, auch mit vielen Menschen, drückte jeder auf seine Art und Weise aus. Rosemarie, eine Pilgerin aus dem steirischen Österreich, fand in den Tagen unserer gemeinsamen Wanderschaft Antworten auf Fragen rund um den Weg, der seit jeher Menschen aus allen Erdteilen in seinen Bann zieht und interessant ist für jeden, der schon mal mit den Gedanken spielte, sich „einfach mal auf den Weg“ zu machen:

Warum gehen Menschen den Jakobsweg?  

Ganz einfach: jeder Mensch, der hier unterwegs ist, hat sein eigenes Motiv, aber viele Menschen auf dem Jakobsweg sind auf der Suche.

Was ist mit denen, die keine Lust auf den klassischen Badeurlaub haben oder einfach – weil es angesagt ist -  mit Hape Kerkeling im Gepäck losziehen? 

Persönlich finde ich, dass die Menschen suchen, auch wenn sie im letzten Mallorca-Urlaub zufällig das Buch von Hape Kerkeling gelesen haben. Das zeigt ja auch die Tatsache, dass so viele Menschen mehr in einem Heiligen Jahr auf den Wegen sind als in einem anderen Jahr. Natürlich ist es manchen mehr und manchen weniger bewusst, dass sie nach etwas suchen. Wenn die Zeit reif ist, wird es bewusst und so etwas passiert eben gern auf diesem Weg. Macht nicht gerade diese Tatsache die Faszination des Weges für so viele Menschen über viele Jahrhunderte aus?

Die Menschen suchen, selbst wenn ihnen das viele Kilometer später erst dämmert - was suchen sie da eigentlich?

Die Menschen haben nach einer bestimmten Anzahl von Kilometern die Chance zu verstehen, warum sie unterwegs sind. Sie können dann den eigenen Sinn des Seins, ihr eigenes Wesen, ihr „Ich“ besser verstehen - darum haben sie ja auch dann meist viele Kilometern schon unter den Füßen. Sie können besser aus sich selbst heraus beantworten für was sie leben möchten und haben auch konkrete Antworten auf den Sinn ihres Lebens. Jeder bekommt dadurch die Möglichkeit sich nochmals neu einzureihen und sein Leben zu gestalten. Auf dem Weg ist es eben leichter als Zuhause möglich in den eigenen Fluss zu kommen, der die Zeit reif werden lässt, um den Mut zu bekommen, wichtige Dinge im Leben zu ändern. Denen macht es dann plötzlich keine Mühe mehr, das Leben nach ihrer Vorstellung zu gestalten und zu formen, solange sie nicht anfangen nach dem Dürfen und Nichtdürfen, nach ihrem Recht etwas zu verändern zu fragen.

Ein Mensch muss also viele Kilometer wandern, um glücklich zu sein?

Es kommt nicht auf die Kilometer an und auch nicht auf die Zeit. Denn die Zeit wird unterwegs ja auch zeitlos in einem gewissen Sinn. Und wenn man im richtigen Sein ist, bekommt man ja auch Flügel. Spaß bei Seite. Für viele Menschen ist es schwer viele Kilometer zu gehen, geschweige denn in ein Glücklich sein hineinzufinden - das ist ganz logisch. Es kommt ja darauf an, aus was für einem Leben so ein Mensch kommt und inwiefern er bereit ist sich auf die Gegenwart des Weges einzulassen. Ob er einen Rucksack spazieren trägt oder womöglich zwei. Und wenn der Mensch nicht bereit ist, eben überflüssiges Gewicht unterwegs abzulegen, klappt es nicht. Es geht wirklich um das innere Sein, die inneren Kilometern. Los starten, ohne vergessen zu haben, los zu lassen. Weniger der Schweiß, doch höher der Preis im Herz ist - könnte auch ein Gedanke dazu sein.  

Was war eigentlich das schönste Naturerlebnis für Dich auf Deinem Weg?

Die Steilküste auf einem Weizenfeld und ihr Wasserspiel, die Brandung am Ende des Tages, als ich eben dort draußen unter Sternen schlief. Die immer wiederkehrende Gezeiten an der Küste und nachts den Sternenhimmel zu sehen. Es war gleich stark und gleich gewaltig wie mein Fühlen, in das ich auf dem Weg hineinkam, die Verbindung zur Natur, die ich lebe und leben will.

Konntest Du denn „loslassen“ auf dem Weg? Das ist ja vermutlich noch viel schwieriger als durch das Buch von Hape Kerkeling durchzukommen...

Ja, ich kann loslassen. Ganz 100-prozentig, wobei loslassen ein sehr großes Wort ist. Dazu würde mir verdammt viel einfallen. Loslassen kann man z.B. Situationen, Menschen oder Erfahrungen. Der Camino zeigt eben durch die besondere Art des Unterwegseins, des Gehens, dass Leben Bewegung ist, dass wir Neues sehen, wenn wir weitergehen und das ist eben unmittelbar spür-, seh- und hörbar durch das Wandern. Als Pilger müssen wir einfach die Freiheit besitzen weiterzugehen, zu dem, was unsere Seele bewegt und das aufnehmen, von was sie unterwegs bewegt wird. Das kann durch die richtigen Menschen an unserer Seite sein, auch wenn das manchmal nur ein Lächeln von ihnen ist. Der Auslöser ist, den Sinn des Seins zu sehen. Einen Moment, in dem Du einem anderen helfen kannst, indem Du z.B. Fußpflaster verschenkst. Einen Moment, in dem Du etwas mit einem anderen teilen kannst - wie ein gemeinsames Stück Brot. Man kann es nicht suchen, man kann es nur finden und wenn die Zeit reif  ist, dann kommen diese ganzen Antworten und der ganze Sinn von selbst. Du kannst Sie nicht in der Apotheke wie eine Creme gegen Fußblasen einkaufen. Ich sah in diesem Jahr Menschen Hand in Hand den Camino gehen und ich sah viele lächelnde Pilger. Ich sah, wie sich die Menschen gegenseitig beschenkten, Socken oder Uhren. Wenn Du lebst und träumst, dann glaube ich, hast Du wirklich gelebt und ich glaube viele Pilger haben in diesem Jahr auf dem Jakobsweg dies als sehr konkrete, eigene Lebenserfahrung erkennen und leben dürfen.

Was bedeutet für Dich eigentlich die Tatsache gerade in einem Heiligen Kirchenjahr unterwegs zu sein?

Natürlich hat so ein heiliges Fest eine Bedeutung nach einem solchen langen Weg. Für mich und meinen Glauben an Gott und seine Kraft, die uns innerlich bewegt - so auch immer an das Gute zu glauben und an die Liebe, hat für mich eine Bedeutung. Zu sehen, wie viele Menschen zu diesem Ort gehen, ist einfach überwältigend und diese vielen verschiedenen Schicksale zu sehen von Menschen. Auch zu wissen, dass die Menschen immer und immer wieder nach Santiago gegangen sind. Von jeder Richtung her. Und wenn einen das nicht bewegt, dann frag ich mich, was dann einen Menschen innerlich bewegen kann.

Welche Abschnitte des Weges empfiehlst Du denen, die den Weg gehen möchten?

Asturien sollte nicht ausgelassen werden. Besonders die Stadt Ilanes kann ich da empfehlen, es ist eine mittelalterliche Stadt mit einem wunderschönen Hafen und sie lädt nach einem langen Pilgertag zum Schwimmen ein mit ihren tollen Stränden. Auch Ribadesella ist sehr schön mit seinen zwei Brücken und dem sich mit den Gezeiten ändernden Blick auf die Stadt, die sie umgebenden Hügel und den Strand. La Isla, eine kleine Stadt weiter auf dem Weg, ist auch gut, da sie viele Strandpromenaden hat - und Romantik. Wer auswandern will, dem empfehle ich diese Stadt am Jakobsweg als Ziel. Dagegen überzeugt Galicien eher durch seine Landschaft - viele Bäume, viele Kühe und Wein hier und da.   

Du wurdest ja am Ende sogar beklaut auf dem Weg - wie verkraftet das eine echte Pilgerin?

Ich denke, der Dieb hat es notwendiger gebraucht als ich und ich hatte wohl etwas zu viel! Er hat mir mein Leben gelassen – und im Vergleich dazu: was ist das bisschen, das er genommen hat?

Wie kann man die Erfahrungen des Pilgerns in den Alltag übertragen?

Ja, einfach dem „Sein“ treu bleiben und sich nicht von all den Kleinigkeiten im Alltag beeindrucken lassen. Es ist sehr einfach zu spüren, welcher Weg richtig ist, egal wie schwer und kompliziert und wie lang dieser Weg zu sein scheint. Wenn ich spüre, dass der Weg richtig ist, bleibe ich einfach auf ihm, um dieses Ziel zu erreichen. Und wenn ich einen Wink von oben kriege, dass ein Ziel das richtige ist, dann lohnt es sich, um jeden Preis für dieses Ziel zu kämpfen und auf diesem Weg zu bleiben. In Wirklichkeit tragen wir nur für unser eigenes Glücklichsein und für das, was wir mit unserem Handeln auslösen, die Verantwortung.

Das Interview führte Nadia Russek, nadia.russek@live.de, auf dem Jakobsweg in Nordspanien.

 

 

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