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Indien: Projektarbeit in Bodhgaya

Bericht von Wiebke Andermann, w_andermann@yahoo.de

 

Indien: Projektarbeit in Bodhgaya

Im Internet stieß ich auf die Seite eines kleinen humanitären Projekts in Bodhgaya, Indien. Der Muskan Viklang Trust (dt. Bring den Behinderten ihr Lächeln zurück) wurde 2004 von dem Physiotherapeuten und Heilpraktiker Heiner Janssen gegründet. Vier Monate unterstützte ich die indischen Kollegen bei ihrer täglichen Arbeit vor Ort. Hauptsächlich werden Patienten mit neurologischen Erkrankungen wie Poliomyelitis, Cerebralparese oder Apoplex behandelt.

Ein Tag im Projekt in Bodhgaya

Pünktlich wie immer stehe ich zu der verabredeten Zeit an der Straßenecke, nachdem ich mir den Weg von unserem Gästehaus durch die engen Gassen unseres Viertels in Bodhgaya gebahnt habe. Die mit Palmenblättern und Plastikplanen gedeckten Lehmhäuser drängen sich dicht an dicht und so werden vor den Türen Chapatti (Brotfladen) auf ihren Kohleöfen gebacken, während die Ziegen, Kühe, Hühner manchmal sogar Schweine auf der Suche nach etwas Essbaren frei umherstreifen. Unterdessen blinzeln mir die streunenden Hunde in der Morgensonne träge zu.

Dazwischen, wie könnte es anders sein, die Kinder. Manche sind gerade am frühstücken, spielen mit Stock und Reifen, oder klammern sich an den Schoß ihrer Mutter, wenn solch erschreckende Weiße, wie ich es wohl bin, durch ihre Heimstatt laufen. Die älteren Kinder hingegen holen Wasser oder schrubben die Aluminiumtöpfe mit Sand. In den 20 min, die ich an der Ecke warte, werde ich zwei Mal von dem selben Rikschafahrer angesprochen, ob ich nicht doch mitfahren will und die Frauen, die sich am nahen Brunnen waschen, betrachten mich kritisch.

Endlich werde ich von meinen indischen Kollegen abgeholt und so sitzen wir zu dritt, ein Physiotherapeut, ein homöopathischer Arzt und ich auf dem Motorrad und starten die ca. einstündige Fahrt in das erste Behandlungscenter. Auf der Fahrt bin ich glücklich in der Mitte zu sitzen, denn so eingezwängt, kann ich selbst bei den vielen Schlaglöchern, die der Monsun in die Straßen gerissen hat, nicht herunterfallen. Immer wieder ermahnt, die Schenkel dicht an das Motorrad zu klemmen, entgehe ich auch den, in meinen Augen, Beinahe-Unfällen, ohne Schaden zu nehmen.

Im Center angekommen, einem gemauerten Schulgebäude inmitten von Weideflächen, durch die die Hirten ihre Kühe und Ziegen treiben, zwar in Sicht der Straße, aber nur querfeldein zu erreichen, erwartet uns gähnende Leere. Keine Patienten. Keine Angehörigen und keine zahlreiche Zuschauermenge. Nach zwei Stunden des Wartens, kommt dem Arzt die Idee, dass die Patienten wahrscheinlich wegen des Hindufestes denken, dass das Center geschlossen ist und zu Hause geblieben sind (wäre das Center bei jedem Fest geschlossen, könnte man es ganz schließen). So nutze ich die Zeit ein bisschen Hindi zu lernen und mein Kollege hilft mir mit der Aussprache. Dann machen wir ein paar Sequenzen zur Behandlung von Hemiplegikern, wie Mobilisation, Perfetti und Übungen zur Gewichtsübernahme. Der Arzt im Hintergrund rezitiert singend aus einem Heft in Hindi...

Auf dem Weg zum nächsten Center machen wir in einem Straßenlokal halt. Während wir auf unsere Nudeln warten, mache ich mit „tita nahin“ darauf aufmerksam, dass ich kein Chili in mein Essen möchte, was ein lautes Lachen der Kinder, die sich inzwischen als Zuschauer eingefunden haben, und ein Grinsen des Kochs zur Folge hat. Aber sie haben mich verstanden! Als wir weiterfahren wollen, werde ich von Feiernden des schon erwähnten Festes zur Ehrung Vishnus eingeladen, und so verzehre ich als Mittelpunkt der Gäste eine Art Obstsalat mit indischen Süßigkeiten aus einer Blätterschale – dass mir dies diverse Rendezvous mit meiner Hocktoilette bescheren wird, ist mir klar – aber wie nein sagen?

In einer Art Krankenhaus, bestehend aus 2 Betongebäuden mit jeweils einer offenen Seite, nutzen wir einen Raum mit Holzpritschen als Behandlungszimmer. Gleichzeitig dient er als Patientenzimmer des Krankenhauses. Heute liegt dort eine ältere Frau mit Gips nach einer Fraktur. Mit Hilfe eines Gewichts in Form eines Ziegelsteins wird der Bruch unter Traktion gehalten. In einer Reisetasche befinden sich unsere Therapiematerialien, die wir auf dem Motorrad immer dabei haben. Die Bastmatte wird auf der Pritsche ausgerollt, während sich das Zimmer allmählich mit Patienten und Angehörigen füllt. Die Materialien werden bereitgelegt: Geräte zur Elektroakupunktur, Akupunkturnadeln, Massageöl, Desinfektionsmittel und ein paar Spielsachen wie eine Rassel und Plastikbuchstaben. Terra-Band und ein Igelball vervollständigen unsere Ausrüstung.

Keiner unserer Patienten kommt in Rollstuhl oder Karre. Ein Poliopatient, dessen linkes Bein betroffen und stark kontrakt ist, ersetzt sein Bein durch einen einfachen Bambusstab, den er mittig vor sich führt und sozusagen einbeinig „Bock springt“. Ein 11-jähriger Junge mit Cerebralparese, dessen vier Extremitäten betroffen sind, wird von seiner Mutter getragen, so dünn ist er. Behandelt wird nach Vojta, Bobath und natürlich mit Akupunktur. Die Elektroakupunktur wird vor allem bei Poliopatienten zum Muskelaufbau eingesetzt und wurde in dieser Form von Heiner Janssen selbst entwickelt.

Während mein indischer Kollege und ich weitestgehend gemeinsam therapieren, er für mich übersetzt und wir uns austauschen (soweit dies mit eingeschränktem Englisch auf beiden Seiten möglich ist), verteilt der Arzt seine Medikamente an die Patienten. Somit sitzt ein Teil der Patienten mit Akupunkturnadeln an die Wand gelehnt auf dem Boden, ein anderer Teil wartet auf seine Behandlung und an der offenen Seite des Hauses sammeln sich die Schaulustigen. Teilweise ist es erschreckend, wie grob manche Mütter mit ihren Kindern umgehen (und das aus dem Land der Babymassage…). So wird ein stark spastisches Kind an nur einem Arm gehalten, damit es steht- was es wahrscheinlich nie können wird, und manche Kinder werden geschlagen, wenn sie sich nicht behandeln lassen wollen. Aber die Mehrheit der Eltern kümmert sich sehr liebevoll um ihre Kinder und ist engagiert und motiviert.

Nachdem die etwa 15 Patienten behandelt sind (auf die Uhr schaut hier Niemand), machen wir uns auf den Rückweg. Auf der Strecke an einem kleinen Dorf zwischen dem Ufer des Falgu und einem Waldgebiet halten wir. In diesem Dorf machen wir uns auf die Suche nach einer 3-jährigen Schlaganfallpatientin, die schon seit mehreren Wochen nicht mehr bei der Therapie erschienen ist. Binnen weniger Minuten hat sich zwischen den einfachen, mit Kuhdung bedeckten Lehmhütten (die Fladen werden mit Stroh vermischt, an den Wänden getrocknet und zum befeuern der Öfen benützt), eine beträchtliche Ansammlung von Kindern gebildet, als wir uns nach der kleinen Patientin erkundigen. Einige Erwachsene gesellen sich hinzu und führen uns zur Hütte der Kleinen, im Anhang die ganze Kinderschar. Unser Motorrad müssen wir stehen lassen, da der Weg zu eng und verworren ist.

Dort angekommen treffen wir nur auf die Großmutter, die sofort Stühle vor der Tür aufbaut und uns bittet uns zu setzen. Wir sind eingeladen zu Keksen und weiteren Süßigkeiten. Von der Patientin keine Spur. Nachdem wir dann auch den leckeren Chai, einen würzigen Milchtee, getrunken haben, kommt das Gespräch endlich auf das Mädchen. Diese sei mit der Mutter auf dem Feld (!!!), aber sie wird ihr ausrichten, dass wir da waren. Also machen wir uns mit der Eskorte aus Familie und Kindern wieder auf den Weg zum Motorrad und durch die von der Abendsonne durchfluteten grünen Ebenen mit Palmen, die Szenerie nur durch den herumliegenden Plastikmüll getrübt, auf den Heimweg.

Wiebke Andermann
w_andermann@yahoo.de
 
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