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Bahrain/Saudi-Arabien: Sprachttherapie in Arabien

Bericht von Tilmann Touché, tilmanntouche@yahoo.de

 

Bahrain/Saudi-Arabien: Sprachttherapie in Arabien

Die Arbeit mit arabisch sprachigen Patienten in deutschen neurologischen Rehabilitationskliniken regte uns dazu an, einmal vor Ort folgenden Fragen nachzugehen: Wie wird Sprachtherapie in Arabien praktiziert? Welche Probleme und Möglichkeiten gibt es? Was sind die Unterschiede zur Sprachtherapie in Deutschland? Wie ist die Ausbildung geregelt? Welchen Einfluss hat das Gesundheitssystem? Selbstverständlich erheben wir mit unserem Erfahrungsbericht keinen wissenschaftlichen Anspruch. Er soll lediglich aufzeigen, unter welchen Bedingungen Sprachtherapie in Arabien vonstatten geht und vielleicht den einen oder anderen Kollegen motivieren, einen „ähnlichen Blick über den Tellerrand“ zu wagen.

Wir bewarben uns deshalb zu einem mehrwöchigen Hospitationspraktikum im Bahrain Spezialist Hospital in Manama in Bahrain (Vibeke Masoud) und im King Faisal Specialist Hospital in Riyadh in Saudi-Arabien (Tilmann Touché). Es handelte sich jeweils um Akuthäuser mit einer ambulanten Abteilung. Beide Kliniken verfügten über einen ausgesprochenen Standortvorteil, denn in den anderen bahrainischen bzw. saudiarabischen Provinzen war die sprachtherapeutische Versorgung mangelhaft. Nicht selten reisten die Patienten zur ambulanten Behandlung mit dem Flugzeug an, erhielten 2-3 Diagnostik- und Beratungstermine und die Empfehlung, in 3 Monaten wieder vorstellig zu werden.

In beiden Ländern ist die medizinische Grundversorgung gemeinnützig. Das bedeutet, dass sowohl Einheimische als auch Ausländer in den staatlichen Krankenhäusern kostenfrei aufgenommen werden. Für Einheimische und die Ausländer, die im öffentlichen Sektor beschäftigt sind, umfasst dies auch kostspielige Operationen, Transplantationen und ähnliches. Legen die Betroffenen allerdings Wert auf moderne und spezielle Behandlungsmöglichkeiten, stehen ihnen zahlreiche Spezialkliniken mit entsprechenden Tarifen zur Verfügung. Dies gilt auch für die Sprachtherapie. Die Einheiten werden beispielsweise in Bahrain pro 45 Minuten abgerechnet und zum Teil auch als 12er-Paket zum Preis von 10 Einheiten berechnet. Eine Anzahl von Kliniken steht auch nur einer bestimmten Klientel frei, z.B. Mitarbeitern eines Ölkonzerns, Angehörige des Militärs, Beamte, usw. Will eine finanziell schwach gestellte Familie, die keinen Zugang zu diesen Kliniken hat, trotzdem eine Behandlung in Anspruch nehmen, kann sie sich bei den Stiftungen der königlichen Familien bewerben. Eine staatliche Sozialversicherung wie beispielsweise in Deutschland ist unbekannt.

Da sowohl in Bahrain als auch in Riyadh die Belegschaft aus vielen verschiedenen Ländern stammt, ist die Lingua Franca im Klinikalltag Englisch. Die Sprachtherapeuten haben üblicherweise einen Master`sDegree of Speech Pathology. Wenngleich die Möglichkeit besteht, in Saudi-Arabien oder Jordanien zu studieren, verbringen viele Sprachtherapeuten zumindest einen Teil ihres Studiums in den USA. Die Therapie beziehungsweise das Therapiematerial war daher oftmals amerikanisch geprägt. Natürlich können Tests und Materialen nicht einfach übersetzt werden. Dies allein schon aufgrund der unterschiedlichen kulturellen Gegebenheiten. Es bestehen für den arabischen Sprachraum bislang quasi keinerlei standardisierte Tests. An der Universität von Kairo wird an der arabischen Version des AATs gearbeitet, eine Untersuchung über den Lauterwerb bei arabischen Kindern ist gerade von Mitarbeitern der Universität Amman verfasst worden. Auf den arabischen Sprachraum zugeschnittene Therapiematerialien sind nicht publiziert, somit ist es für unsere dortigen Kollegen oftmals die Not, die erfinderisch macht.

Ein wesentlicher Unterschied ist die Bedeutung der Familie im arabischen Kulturraum. Stärker als bei uns, sind sämtliche Familienangehörige des Patienten in den Rehabilitationsprozess eingebunden. Im Akuthaus wurde standardmäßig ein Rooming-in der Angehörigen nebst Bediensteten in Anspruch genommen. Auch wegen der großen Entfernungen kommt oft die ganze Familie für den Zeitraum einiger Diagnostik- und Therapietermine in die Hauptstadt. Bei den Kindertherapien war dann auch nicht selten die ganze Familie anwesend. Besonders in der Dysphagietherapie ist deshalb die Aufklärung und Anleitung der Angehörigen von großer Bedeutung.

Die Kindertherapie wurde oft mittels Bildkarten und Nachsprechübungen durchgeführt. Therapeutische Spiele, wie sie hierzulande eingesetzt werden, gab es nur wenige. In technischer Hinsicht aber (z. B.: computergestützte Biofeedbackverfahren oder Schluck- diagnostik ) war die Klinik in Riyadh gut ausgestattet. Wir haben in den sprachtherapeutischen Ambulanzen beider Häuser viele Kinder mit Störungen nach Hirnoperationen und hereditären Syndromen gesehen. Ob die bevorzugte Partnerwahl innerhalb des Familienclans (gerne Cousin-Cousine) letzteren Umstand begünstigt, bleibt zu diskutieren. Im öffentlichen Leben ist es vor allem in Saudi-Arabien schwer möglich für Männer und Frauen, in Kontakt zu treten. Während der Arbeit hingegen ist die Geschlechtertrennung gelockert. 

 
Natürlich können sich Arzt und Krankenschwester über einen Patienten austauschen, ebenso wie die Sprachtherapeutin sich mit dem Vater über sein Kind unterhalten kann. Auch darf ein männlicher Sprachtherapeut eine weibliche Patientin behandeln und umgekehrt. Die Mittagspause jedoch findet in abgetrennten Räumen statt, wobei niemand etwas dagegen hat, wenn westliche Ausländer beiderlei Geschlechtes miteinander essen. In der Stadt sind auch die sehr genau eingehaltenen Gebetszeiten, in denen alle Geschäfte und Cafés geschlossen haben, sehr ungewohnt. Ein städtisches Leben wie in Europa fehlt meistens, die Saudis fahren grundsätzlich Auto (anstatt auf dem Bürgersteig zu gehen, stolpert man also durch Parkbuchten). Das stört die Einheimischen natürlich nicht, denn sie fahren sowieso nur zur nächsten Mall, um sich dort in angenehm klimatisierter Umgebung die Zeit zu vertreiben.

Ein weiterer Unterschied der arabischen Welt gegenüber Europa besteht im unterschiedlichen Umgang mit Zeit und Terminen. So wird eine Bewerbung etwa manchmal überhaupt nicht beantwortet, was nicht bedeutet, dass kein Interesse vorhanden ist. Man sollte nur einfach hartnäckig genug und freundlich nachfragen. Nach Monaten des Wartens kann dann doch noch eine positive Antwort erfolgen. Ebenso werden wichtige Verabredungen, wie jemanden zum Flughafen zu bringen, etwas lockerer gehandhabt. Es ist oftmals schwierig für einen Mitteleuropäer, mit dieser vermeintlichen Nachlässigkeit umzugehen. Aber letztendlich klappen die Vorhaben dann doch meistens und für alle Ungeduld wird man mit einer geradezu unfassbaren Herzlichkeit und Gastlichkeit entschädigt.


Tilmann Touché
Brandenburg Klinik Bernau
tilmanntouche@t-online.de

 

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