Auf Schienen durch Europas Metropolen

Bild: Verlag Edition Oberkassel

Wer in den 1970ern aufgewachsen ist, der hat es selbst erlebt, kennt jemanden, der es ausprobiert hat oder verbindet mit dem Begriff zumindest das fast schon klassisch zu nennende Bild des mit Rucksack bepackten Jugendlichen auf abenteuerlicher Erkundungsreise durch Europa. Die Rede ist von InterRail. Seit 1972 gibt es dieses europaweite Zugticketangebot, welches zum 50. Jubiläum des Internationalen Eisenbahnverbandes eingeführt worden war und Jugendlichen eine günstige Reisemöglichkeit bieten sollte. Vielen ist dieses Bild des jugendlichen Rucksackindividualtouristen im Gedächtnis geblieben, doch vermuten ebenso viele, dass InterRail gar nicht mehr angeboten wird.

Als der Kölner Autor Chrizz B. Reuer auf einem Werbeplakat den Begriff InterRail wiederentdeckte, verband er damit auch das obige Bild des jugendlichen Reisenden, und war ebenso überrascht, dass es InterRail tatsächlich noch gibt und auch, dass es keiner Altersbeschränkung mehr unterliegt. 1983 hatte er bereits mit dem damaligen Tramper-Monats-Ticket »das kleine InterRail« unternommen und so begab sich Chrizz B. Reuer vom 1. bis 31. Juli 2010 auf eine große InterRail-Reise entgegen dem Uhrzeigersinn um Deutschland herum durch 22 Städte. Die in Buchform verarbeiteten Erlebnisse dieser Reise erschienen im Februar 2011 unter dem Titel »DER EUROPA-TRIP. InterRail ZweiPunktNull«.

Man wäre gerne mitgereist

Reuers Stil ist dabei anfänglich etwas gewöhnungsbedürftig, aber bereits nach wenigen Sätzen ist man im Lese- und Reisefluss und folgt dem interessanten Gedankenstrom und Reiseverlauf. Und bei der nächsten oder übernächsten Stadt ertappt man sich auch schon bei dem Gedanken, man wäre gerne mitgereist. Das Buch ist kein schlichter Reisebericht und auch kein klassischer Reiseführer, sondern stellt vielmehr die Erlebnisse Reuers in nicht unmittelbar zugänglicher Weise dar, beschreibt aber die Reise dafür umso eindrücklicher. Es gelingt dem Autor mit seiner schräg-sympathischen, teils schlaglichternden Erzählweise die beim Reisen oft flüchtigen Bilder, Gedanken und Eindrücke somit auf adäquate Weise einzufangen.

Das Spektrum der Reiseerlebnisse und -begegnungen ist dabei so umfassend und abwechslungsreich wie es ein solches Reisepensum – 22 Städte in 31 Tagen – erahnen lässt: Erste Station der Reise ist dabei Amsterdam. Passend dabei der Rückblick auf die Begegnung mit dem Postboten, der Reuer, der schon unterwegs zum Bahnhof ist, noch die vor Reiseantritt angeforderte Krankenkassenkarte aushändigen kann. Erstes Reise-Fettnäpfchen im Amsterdamer Hostel: 2010, Fußball-WM in Südafrika, das Spiel Niederlande gegen Brasilien steht an. Chrizz B. Reuer wünscht der vermeintlich niederländischen Rezeptionistin viel Glück für das niederländische Team, um später zu erfahren, dass die Rezeptionistin aus Brasilien stammt. In Paris die Erinnerung an das InterRail-Plakat im Büro der SNCF in Köln, was schließlich den Europa-Trip in Gang gebracht hat: »Das machst Du. Nächstes Jahr! Im gleichen Moment wusste ich es. Ein Strahlen war durch mich gegangen.« Schlicht und zugleich poetisch-schön eingefangen: Sehnsucht und Vorfreude und fast prophetische Gewissheit eines zukünftigen Reiseplans zugleich.

Nummern ziehen wie beim Arbeitsamt

Oder der Weg von Toulouse nach Barcelona, Mineralwasser der Marke »Pyrenea« im Gepäck unterwegs in Richtung der Wasserquelle. Über die Pyrenäen. In 1562 Metern Höhe, im Sonnenschein ein Ort der Ruhe, wo man zu sich selbst finden kann. Ausgerechnet im eher katalanisch-rebellischen Barcelona inmitten des Spanien-Siesta-Klischees dann ein geradezu kafkaesk-bürokratisches Erlebnis: Versuch einer Zugreservierung. Dafür Nummern ziehen wie beim Arbeitsamt. 150 Nummern Wartezeit. Manche Nummern werden aufgerufen, doch niemand kommt dem Aufruf nach., denn die Schalterbeamten selbst ziehen ab und an Nummern quasi zur Arbeitsentschleunigung. Reuers eigene Nummer erscheint, versäumt im Gespräch mit dem Nebenmann. Der Schalterbeamte lässt das Versäumnis nicht durchgehen. Neue Nummer soll gezogen werden. Eigentlich muss es keine Reservierung sein, eine Information dazu würde auch reichen. Der Schalterbeamte ist unerbittlich. Seiner ist der Reservierungsschalter und nicht der für Informationen.

Der kulinarische Höhepunkt der Reise ist wohl Wien mit Kaffeehauskultur und dem Tipp eines Wieners, wo es das leckerste Wiener Schnitzel gäbe. Und der Tippgeber demonstriert zugleich die Wiener Morbidität: Er lag drei Monate mit Tuberkulose im Spital und hatte als Krankenhauslektüre dabei: »Die Pest« von Albert Camus. Wien ist außerdem die einzige Stadt des Europa-Trips mit zwei Einträgen. Was nicht wundert an der Fülle der dort aber nicht allein gastronomischen Reiseeindrücke. Dennoch eine weitere Entdeckung aus diesem Gebiet: »Intelligenzfutter« gibt es im Supermarkt. Lässt an hochwertigeres Studentenfutter denken und ist tatsächlich: »Elitäre Weiterentwicklung des Studentenfutters«. Humor und Gastronomie verbindet sich auch in Trient: Die Baguettes am Bahnhof sind nach Entdeckern benannt. Mortadella mit Käse heißt Vasco da Gama, hinter Marco Polo steckt Salami mit Salat.

Echo aus Barcelona

Mit zunehmendem Fortschreiten von Reuers Reise ergeben sich auch immer mehr Rückbezüge und Verschränkungen des Reisens. Wie ein Echo aus Barcelona zeigt später das Handy im schwedischen Karlskrona »Willkommen in Spanien«. Nicht alles ist dabei humorvoll. Auch ernsthaften Gedanken gibt der Autor Raum wie die Entdeckung neuer Seiten an sich selbst beim Reisen, ebenso wie die Feststellung, wie sich vorgefasste Meinungen und Klischees auch auflösen können. Beim fremden Jugendherbergszimmergenossen ebenso wie bei sich selbst. Was der eine Reisende über den anderen Reisenden denkt, verwischt, muss nicht missverstanden werden.

Der Mitreisende im Zug wird auch interessant geschildert zwischendurch. Manchmal werden angenehme und unterhaltsame Reisebekanntschaften viel zu früh und unfreiwillig auseinandergerissen, wenn die reservierten Plätze von den vorgesehenen Reisenden eingenommen werden. Andere Mitreisende dagegen bleiben vollkommen geheimnisvoll; belassen es bei Blickandeutungen.

Humor mit Tiefgang

Auch hier: Humor ist angenehm oft Inhalt wie auch Form des Europa-Trips, der aber oft genug auch nachdenklich ist. Und noch mehr, tiefer: Anfängliches Zögern vor dem Ausflug nach Auschwitz. Der Arbeit-macht-frei-Schriftzug vor dem Chrizz B. Reuer plötzlich steht. Die Erkenntnis, die Sprache des Autors ist die Sprache der Täter. Der Besuch in Auschwitz ist der bewegendste und persönlichste Eintrag Reuers. Und bewundernswert ehrlich. Nach jedem Stadtbericht folgen ein, selten zwei Schwarzweiß-Fotos. Schnörkellose Schnappschüsse, oft ebenso humorig wie der Text. Nach Auschwitz das kleinste kaum fingernagelgroße Foto im ganzen Buch, als wolle sich der Autor an dieser Stelle selbst klein machen, vielleicht weil er sich im Erschaudern dort so gefühlt hat. Auch das beeindruckend.

Insgesamt ist »Der Europatrip« ein Buch, das sich – nach einer gewissen Gewöhnungsphase – schnell und leicht liest und eine gute Reiselektüre darstellt. Passend dazu ist das Buch handlich und reisegepäcktauglich in Broschur gefertigt und bietet sich geradezu an mit auf (Europa)reise zu gehen.

Nach eigener Reiselust und -laune erkunden

Neben den nicht unüblichen Anhang-Bestandteilen wie Nachwort, Danksagung und Autoreninformation finden sich zudem eine vom Autor gezeichnete Kartenskizze des Trips und ein Themen-Register. Mit dieser Auswahl lässt sich anhand von Schlagworten oder Namen im entsprechend angegebenen Stadtkapitel schmökern und man muss sich somit das Buch nicht reisechronologisch erlesen, sondern kann es gewissermaßen nach eigener Reiselust und -laune erkunden. Hinweise oder Informationen zum Ticketprogramm bzw. allgemein zu InterRail fehlen leider und wären vielleicht noch nützlich für Nachahmer gewesen. Besonders hervorzuheben ist dagegen die Rubrik »Nach-Klänge. In eigener Sache«, in der Reuer ein wenig resümiert und vor allem dazu rät eine Reise und ihre Erlebnisse erst mal in sich selbst nachklingen und sich nicht zerreden lassen. Weder vom Taxifahrer, der einen endgültig nach Hause bringt und nicht von den Zuhausegebliebenen, die einen vielleicht erwarten und gleich hören wollen, was man so erlebt hat.

Im Nachwort heißt es zudem: »Auf den Spuren des Protagonisten ließe sich mit Hinweisen im Text vieles wiederfinden.« Der Satz endet mit einem Punkt, doch hätte es auch gerne ein Ausrufezeichen sein können, denn die Aussage lässt sich auch als Aufforderung zur Nachahmung interpretieren: Nicht nur dieses Buch zu lesen, sondern vor allem selbst so einen Europa-Trip zu wagen. InterRail hat keine Altersbeschränkung mehr; es ist somit nie zu spät.

Eine „Warnung“ ist angebracht

Ob man sich nun dafür entscheidet das Buch zu lesen oder selbst auf InterRail-Trip geht oder mit dem Buch im Rucksack und auf Spuren des Autors auf Europa-Reise geht, gut beraten ist man mit allen drei Varianten. Es kommt vielleicht darauf an wie reiselustig und wagemutig man selbst ist. Sollte man sich aber für die »Nur-Lesen-Variante« entscheiden, ist dennoch eine Warnung angebracht: Die Lust auf den Europa-Trip kann das Buch sehr schnell wecken! (Mit Ausrufezeichen, nicht mit Punkt.)

(Vielleicht noch ein kleiner Anreiz für engagierte Nachreisende auf der Suche nach besonderen Souvenirs: Neben dem Bettpfosten in seinem Zimmer in der Jugendherberge in Lille entdeckte Reuer eine 1968 geprägte ½-Franc-Münze und hat sie nicht mitgenommen.)

Weitere Infos zu Autor und Buch:
http://www.christbreu.de/

Chrizz B. Reuer. DER EUROPA-TRIP. InterRail ZweiPunktNull. Eine Reise mit sich selbst – 22 Städte in 31 Tagen. Edition Oberkassel. Düsseldorf 2011. ISBN: 9783981390575
www.edition-oberkassel.de


3 thoughts on “Auf Schienen durch Europas Metropolen

  1. Jugendherberge Valencia Antworten

    Wenn du Spaß an Rucksackreisen hast und ein bisschen durch Spanien touren willst, bist du in unserer Jugendherberge Valencia genau richtig! Bei uns machst du bestimmt viele Bekanntschaften mit Gleichgesinnten und vielleicht findet sich ja auch noch die ein oder andere nette Reisebegleitung! Wir freuen uns auf dich!

  2. tomalla,lore Antworten

    Habe nicht nur Zusammenfassung, sondern auch das Buch (ganz) gelesen.
    Eingewöhnungsphase? Ich nicht! Ich ? Da steht zwar ohne Altersbegrenzung – aber mit 80 ist der Mensch für Rucksacktourismus doch etwas zu alt. Jedenfalls eine empfehlenswerte Lektüre, die bei mir viele Erinnerungen gweckt hat.
    Gruß + weiterhin viel Erfolg + bitte Benachrichtigung f. Weiteres

  3. Heiko Antworten

    Da kriegt man ja direkt Lust, sich ein Ticket zu besorgen und den Rucksack zu packen – mit Buch im Gepäck! Wann planst du die nächste InterRail-Reise?

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